Ladys und Gentlemen (vor allem Ladys, denn seien wir ehrlich: Die Buchbranche ist doch sehr frauenorientiert), alle mal aufgepasst, tatatataaa (Trommelwirbel): Hier bin ich!
Okay, das ist ein ziemlich lahmer Einstieg, aber ich kann Ihnen versprechen, dass es nicht lahm bleiben wird. Bitte verdrehen Sie Ihre Augen nicht so. Das ist ungesund. Außerdem habe ich eine richtig tolle Story für Sie. Die ist so aufregend, dass es direkt eine Missetat wäre, sie nicht aufzuschreiben, um sie der Öffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen (ehrlich gesagt ist mir gerade überaus langweilig).
Ich möchte nur dezent darauf hinweisen, dass das nicht, und ich wiederhole, NICHT meine Memoiren sind.
Ich schreibe nämlich keine Memoiren, obwohl es jetzt schon Teenie-Stars gibt (den Namen möchte ich nicht erwähnen, aber er ist nach einem Tier benannt, das Holzgeäst zusammensucht, um kleine Dämme zu bauen ... nur zur Info) die das machen und der Oberhammer ist, dass alle 11- bis 16- jährigen Mädchen das auch noch kaufen und lesen. Da fragt man sich doch, was aus der großen Literatur geworden ist. Apropos ...
Wenn Sie hier ein überaus aufwendiges, stilistisch hochwertiges, von Grammatik- und Rechtschreibfehlern freies literarisches Werk erwarten, dann muss ich gleich vorwegnehmen, dass das ... nicht der Fall ist! Wissen Sie, ich bin ein einfaches, normales Mädchen mit nicht so normalen Freunden. Ich habe weder studiert, noch war ich jemals ein Genie in Grammatik gewesen, also bitte verzeihen Sie mir etwaige Ausrutscher.
Das hier sind nur ein paar kleine Episoden aus meinem Leben voller Aufregung ... oder Verzweiflung ... Ich bin mir da noch nicht ganz sicher.
Okay, für ein Pläuschchen haben wir später noch Zeit. Hier sind meine persönlichen Daten: Ich bin die Hauptfigur (Applaus). Sie müssen nicht so schüchtern sein.
Also, mein Name ist Sarah, und ich höre NUR auf Sarah. Sarah ist mein Vor-, Spitz- und Hauptname und daran wird sich nichts ändern. Der Rest ist uninteressant. Gut, Sie haben mich überredet. Mein zweiter Name lautet (und wehe Sie lachen!) Ottilie.
Hey, ich habe Sie lachen gehört. Unterstehen Sie sich. Ich weiß, wo Sie wohnen und ich werde Sie finden! Ich habe viele Freunde (nur irgendwie keine menschlichen Exemplare, wie ich im Laufe der Geschichte bestürzt feststellen musste).
Mein dritter Name lautet, und ich weiß bis heute nicht, warum mich meine liebevollen Eltern so bestrafen mussten, Philomene.
Ja, ja. Es ist ein griechischer Name. Hat meine Mutter mal im Fernsehen gehört und hat sich prompt gedacht: Jetzt bekommen wir ein Kind und nennen es Sarah Ottilie Philomene Fuchs (ein großes und sarkastisches DANKE an das Fernsehen!).
Können Sie jetzt nachvollziehen, warum ich so heikel darauf bin, dass man mich Sarah nennt? Ja? Danke. Vielen, vielen Dank.
Also, vergessen Sie den Rest wieder und nennen Sie mich einfach nur Sarah. Ich stehe kurz vor meinem (schüttel) 24. Geburtstag (genau am 02. Dezember ... jetzt haben wir bald Ende Oktober. Hilfe!).
Ich wohne eigentlich noch bei meinen Eltern zu Hause in Wien, aber wir haben jetzt so viel Kohle eingeheimst, dass ich es mir beinahe leisten könnte auszuziehen ... Wären da nicht die drei Monatsmieten, die man im Vorhinein bezahlen muss und die Strom-, Wasser- und Gasrechnungen, die Kaution, die neuen Möbel, die Farbe für die Wände, die neue Küche, den Rauchfangkehrer, den Schädlingsbekämpfer, und ... und ... und ...
Mit WIR meine ich übrigens meine beste Freundin Linn und mich. Wir führen nämlich ein Unternehmen zusammen. Wir haben zwar keine Firmenbuchnummer, aber das hält uns nicht davon ab, uns wie eine Firma zu verhalten ... nur ohne Personal ... und ordentlicher Buchhaltung ... (hoffentlich arbeiten Sie nicht beim Finanzamt!). Ich schweife ab.
Wir haben einen obercoolen Job. Wir sind nämlich Geisterjägerinnen. Ja, Sie haben richtig gelesen: Wir jagen Geister. Große Geister, kleine Geister, Poltergeister, Wassergeister, Kobolde und so weiter.
Unser aktueller (Firmen-) Name lautet: Geisterbehörde: Linn & Sarah.
Hey, uns ist einfach kein besserer (Firmen-) Name eingefallen. Wir sind aber für Vorschläge jeglicher Art offen (Bitte! Helfen Sie uns!).
Auf jeden Fall ist Linn meine ALLERBESTE Freundin, aber seit sie diesen megaheißen Vampir geheiratet hat und selbst zum Vampir mutiert ist, ist sie zu nichts mehr zu gebrauchen.
Ja, Sie haben richtig gelesen. Er ist ein Vampir. Ein richtiger, waschechter Vampir mit langen Eckzähnen, einem unglaublich scharfen Körper und einem knackigen Po. Außerdem vergöttert er Linn über alle Maßen. Abgesehen davon ernährt er sich tatsächlich von Blut. Igitt ... verstehen Sie jetzt, warum ich eine dezente Abneigung gegen Bloody Marys habe?
Zurück zum Thema Linn und Chris:
"Er ist ja soooo süß.", "Ist er nicht megaheiß?", "Er ist so ein toller Liebhaber". Bla bla bla. Das wissen wir ohnehin schon alles, Süße (seufz).
Also: Sie haben vollkommen richtig gelesen. Linn und Christopher (besagter megaheißer Vampir) haben sich vor wenigen Monaten kennengelernt (nebenbei erwähnt: Seitdem habe ich diese Pappnase Mordred auf den Fersen).
Linn und ich wurden nämlich nach Irland berufen, weil sich die Seele einer lebendig begrabenen Gräfin in dem alten Gemäuer von St. Katherines getummelt hat. Kurz und bündig: Wir haben alle Übeltäter (es stellte sich nämlich heraus, dass es sowohl Geister [echte Geister], als auch Menschen waren) entlarvt, haben einen Haufen Kohle eingesackt und Linn und Chris haben geheiratet. Noch an Ort und Stelle. Gott, war das romantisch (und ein wenig gruselig).
Mordred ist Chris´ bester Freund. Ich habe übrigens herausgefunden, dass er ein Gestaltwandler mit vampirischen Tendenzen ist. Wie das funktioniert, fragen Sie? Keinen blassen Schimmer.
Mordred hat keine Ahnung, wer er ist, da sein Gedächtnis schon vor langer Zeit flöten gegangen ist und da Linn und Chris seit ihrer Hochzeit vor rund fünf Monaten ständig in den Flitterwochen waren und andauernd nur lauten, nervenaufreibenden und unverschämt guten Sex hatten, musste ich mich mit Mordred zufriedengeben.
Ich gebe Ihnen nun eine ganz kurze Beschreibung dieser Personen, damit Sie sich ein Bild machen können:
Linn: selbes Alter wie ich (und wir müssen es nicht noch einmal erwähnen), groß, langes dunkles Haar, milchig weiße Haut, blitzende, wie Diamanten funkelnde Augen ... wie ein weiblicher Vampir eben so aussieht.
Chris: Unheimlich großer und unheimlich muskulöser Typ, dunkle lange Haare, meistens zusammengebunden, Muskeln bis zum Abwinken, einen Bizeps, mit dem man Autos zerdrücken kann (wir haben es ausprobiert), eine Geschwindigkeit und Ausdauer hat der drauf, dass sich die (Bett-) Balken nur so biegen ...
Okay, genug von Chris.
Mordred: groß, hat eine eher elegante und schlanke Figur, trägt seine Haare zu einem schnittigen kurzen Schopf, hat wahnsinnig viele Locken, die seine schönen dunklen Augen umrahmen ... Okay, das reicht.
Ich mochte Mordred zum Zeitpunkt dieser Geschichte nicht (mittlerweile kann ich ihn schon ertragen). Nein, nein, nein. Er nervte, er stritt sich die ganze Zeit mit mir und er war einfach nur unausstehlich.
Ich hoffe, Sie können sich durch mein verwirrendes Geschreibe hindurchblicken, denn jetzt fange ich mit der Hauptstory an. Holen Sie sich Ihr Popcorn, schütteln Sie noch einmal die Kissen auf, schalten Sie eine kleine Leselampe ein und los geht es zum Greyfriars Kirkyard, Edinburgh, Scotland.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Warum befinden wir uns auf dem Greyfriars Kirkyard, Edinburgh, Scotland? Dazu komme ich noch, keine Sorge. Linn und Chris hatten beschlossen, da sie nun beide ein unsterbliches Leben führen, dass Sie einfach die Flitterwochen verlängern und eine Weltreise, oder so etwas Ähnliches, daraus machen.
Sie fragen sich jetzt, warum Mordred und ich auch dabei waren? Ja ... das fragte ich mich allerdings auch!

...

"Sieh mal", sagte ich und deutete auf ein großes Plakat.
"Was ist das?", fragte Mordred.
"Sieht aus wie eine Führung", bemerkte ich und ging näher hin.
"The Graveyard-Tour", las ich leise vor. Sogleich rieselte es mir kalt über den Rücken.
"Der Mackenzie Poltergeist hat wieder zugeschlagen. Mehrere Personen, die eine Tour der berüchtigten Graveyard-Tour mitgemacht haben, kamen nur knapp mit dem Schrecken davon. Blutige Kratzspuren, Blutergüsse, blutunterlaufene Augen und das eiskalte Gefühl des Todes sind keine Seltenheit", las ich laut vor.
Ich blickte zu Mordred.
"Abgefahren, nicht wahr?", fragte ich, als er weiter vorlas.
"Dem Besucher der Graveyard-Tour bleiben die Aktivitäten des berühmtesten Poltergeists Schottlands nicht erspart. Der Mackenzie Poltergeist ist für mehrere Todesfälle verantwortlich, unter anderem bei Reverend Grant sen., ein Reverend, der einen Exorzismus durchführte und zwei Wochen später tot aufgefunden wurde."
Jetzt sehen Sie mal wieder, dass ich meinen Beruf liebe. Meine Mundwinkel ließen sich nämlich nicht mehr bewegen. Sie waren steif und fest in meiner oberen Wangenpartie verwurzelt.
"Den muss ich sehen", rief ich aus.
"Wen? Die Leiche des Reverends?", maulte Mordred.
"Ach komm schon, Mordi." Mordi ist übrigens sein Spitzname, den ich nur in den Mund nehme, wenn ich etwas von ihm wollte und ich meine keine unseriösen Gedanken, also bitte zügeln Sie Ihre Fantasie.
"Ich habe schon so lange keine Geister mehr gejagt, weil meine frisch verheiratete Kollegin nicht mehr zur Arbeit aufkreuzt, weil sie stattdessen lieber Sex hat. Also BITTE!!!" Okay, das hörte sich jetzt wirklich nach Betteln und Jammern an, aber ich konnte einfach nicht anders. Ich musste den Mackenzie Poltergeist sehen. Ich musste das alles untersuchen. Sollten sich hier tatsächlich paranormale Aktivitäten abzeichnen, so würde ich dies bestimmt herausfinden. Immerhin bin ich Profi.

...

Und jetzt können Sie bereits erahnen, warum Sie nun des Öfteren mit mir zum Greyfriars Kirkyard gehen müssen, denn dort spielt sich die weitere Geschichte ab, wenn sie mal in Gang kommt, aber keine Sorge, es dauert nicht mehr lange, aber ich kann Ihnen auch nicht immer gleich alles am Anfang erzählen, also ...

...

Sir George Mackenzie, auch bloody George Mackenzie genannt, war der Hofadvokat von König Charles II von Schottland. Geboren: 1636. Gestorben: 1691.
"Derweil finde ich noch nichts Interessantes", nuschelte Linn, ich gab ihr Recht. Der Artikel endete mit keinen weiteren Informationen. Nun gab ich den Namen erneut in der besten Suchmaschine der Welt ein (enttäusche mich nicht!). Gedacht, getan.
"Der erste Link ist derselbe wie vorher", sagte ich und klickte ihn an.
"Aber das ist die englische Version", meinte Linn und hatte damit vollkommen recht. Na toll. Sie werden sich bestimmt noch an meine Info bezüglich Englisch et moi erinnern können, aber ich möchte mal versuchen, ob ich etwas Sinnvolles herauslesen kann. Extra für Sie.
George Mackenzie sieht genauso aus, wie man sich einen Advokaten im 17. Jahrhundert so vorstellte: gelocktes Haar (vermutlich eine Perücke), für die damalige Zeit vornehm gekleidet, er hatte sogar so ein Tuch um den Hals gebunden. Sie wissen schon, so eines wie Omas und Tante Mitzis Strickdeckchen.
Also gehen wir mal den Text durch. Sir George Mackenzie, geboren ... gestorben ... bla bla bla ... war in Frankreich im Universum ... bla bla bla ... war Mitglied im männlichen Parlament ... bla bla bla ... aha. Hier wurde es interessant:
Sir George Mackenzie trat für kurze Zeit den Covenanters bei. Sie fragen sich jetzt bestimmt, was das sein soll. Ich auch. Also klickten wir mal auf Covenanters. "The Covenanters" waren eine schottische, presswurstartige Bewegung, die sich gegen den sporadischen Glauben (wenn ich das jetzt richtig verstanden habe) aufgelehnt haben. Was sollte das bitte schön heißen? Linn fasste zusammen:
Auf gut Deutsch: Sei Katholik, dann lebe weiter, habe eine andere Religion, dann stirb. George hatte dies wohl gemerkt und war kurze Zeit später wieder ausgetreten. Danach wurde er Jurist am Hofe von Charles II von Schottland und ...
"Das glaub ich jetzt nicht", flüsterte Linn.
"... er ist für den Tod von etwa 19.000 Mücken verantwortlich", las ich laut vor. Hä?
"Er ist für den Tod von 19.000 Menschen verantwortlich", erklärte Linn.

...

Also: Sir George Mackenzie liegt auf dem Greyfriars Kirkyard begraben, und zwar in dem "Black Mausoleum", also in der schwarzen Maus (Linn korrigierte mich und meinte, dass das tatsächlich ein Mausoleum sei). Weiters fand sich auf diesem Friedhof das sogenannte "Covenanters Prison", also das Badezimmer der Covenanters (Linn korrigierte erneut: Es war das Gefängnis ... als ob das einen Unterschied machte ...). Dort hatte George die Leute eingesperrt, ohne Hamster, ohne richtiges Essen und Trinken, ohne Glühwein vor der Kälte.
"Sarah, bitte lerne ein bisschen Englisch. Das heißt "ohne Dach und ohne Schutz" ", schnauzte Linn herum. Ich erinnere an meine Aussage bezüglich Englisch und meiner Wenigkeit.
Manche hatten versucht zu grillen (Linn schrie, dass es "fliehen" heißen soll). Wenigen ist es sogar gelungen. Angeblich waren dort knapp 1.900 Menschen eingesperrt worden und zwar im dahinter ("Also bitte, dass weiß doch nun wirklich jeder, dass das nicht "dahinter", sondern "Winter" heißt." "Danke für deine Hilfe, Miss Neunmalklug!"). Besonders nett, nicht wahr? Jedenfalls konnten manche fliehen, manche verhungerten und manche frittierten ("Sie erfroren, um Himmels willen!").
Diejenigen, die überlebt hatten, sollten als Sklaven verkauft werden. Sie wurden auf Schiffe verfrachtet, welche absichtlich in Stürme hineinsegelten. Somit waren auch die Übriggebliebenen im Feenreich ("Grundgütiger, kannst du Jenseits nicht von Feenreich unterscheiden?").
Seit einigen Jahren ist dieses Gefängnis verschlossen, da viele mysteriöse Dinge und übernatürliche Aktivitäten stattgefunden hatten. Diese Abteilung des Friedhofes wird lediglich für die Graveyard-Tour geöffnet.
Angeblich wurden über 600 Rohrbälle ("VORFÄLLE!!!") gemeldet, bei denen Menschen bitterkalt geworden sein soll. Manche kamen mit Rötungen, Schürfwunden, Kratzspuren oder Blutergüssen aus dieser Abteilung heraus. Der Verantwortliche dafür soll bloody George Mackenzie, der Poltergeist vom Greyfriars Kirkyard, sein.
"Ich muss in dieses Mausoleum hinein", verkündete ich.
"Zuerst lernst du ein bisschen Englisch, Fräulein", knurrte Linn.
"Wozu muss ich denn Englisch lernen? Ich verstehe ohnehin alles", keifte ich zurück.
"Und wenn George dich auf Englisch anspricht? Zeigst du ihm dann, wo das nächste Klo ist?"
"Wenn er es denn wissen möchte. Ich könnte ihm auch sagen, wo er gute Pizza herbekommt, wenn er Hunger hat." Linn verdrehte die Augen. Sehen Sie, wie mich alle nervten? Mein Englisch war gut genug. Nach wenigen Minuten der Stille meldete sich Linn wieder zu Wort.
"Eigentlich hört sich das ziemlich interessant an."
"Kommst du etwa mit?", wollte ich ungläubig wissen. Ich konnte den kleinen Hoffnungsschimmer in meinem Inneren nicht unterdrücken, doch als sie ihre Augen zusammenzog, wusste ich schon, dass sie lieber bei Chris bleiben wollte.
"Nein, vielleicht ein anderes Mal", sagte sie endlich und zwinkerte ihrem Mann zu. Ja, ja, ja ...

...

Die enge Gasse, die zum Eingang führte, war feucht und von Kreidestrichen nur so übersäht. Was wäre wohl wenn ich ...
Schnell schaute ich nach rechts und links, dann duckte ich mich, machte einen Schritt nach vorne und überquerte die Absperrung. Verdammt. Wo brachte ich mich da denn jetzt schon wieder hin?
Das würde mir teuer zu stehen kommen, da war ich mir sicher. Ich hielt mich an der dunklen, von Schatten überzogenen Wand und durchquerte das eiserne Tor zum Friedhof.
Das war es gewesen. Ich war drinnen. Ich hatte es getan. Schnell überprüfte ich, ob auch niemand hier war und ob mich auch niemand beobachten konnte. Dann hielt ich mich nach links und lief zwischen den Grabsteinen hindurch. Ein wenig außer Atem und mit wild pochendem Herzen landete ich vor George Mackenzies Grabgewölbe.
Mein Fuß setze sich ganz von selbst auf die erste Stufe. Ganze zwei lagen noch vor mir, bis ich an der Tür zu Georges Grab stand. Mit Mühe hob ich mich nach oben. Gebannt starrte ich auf die Tür. Ihr dickes Schloss hing ohne große Beachtung nach unten.
"Und hier bin ich wieder", flüsterte ich und zog meine Taschenlampe und meine Pinzette hervor. Ja, ja ... ich hatte nun mal immer eine Pinzette dabei. Wenn Sie sich mal ein Stück Holz einziehen, dann wären Sie für eine Pinzette dankbar. Glauben Sie mir. Ich schob den Knopf an meiner Taschenlampe nach oben. Ihr strahlendes, sehr grelles Licht erleuchtete mein Vorhaben.
Ich schob sie mir in den Mund und biss auf das Plastik um beide Hände freizuhaben. Geübt erleuchtete ich mir das Schloss und zückte meine Pinzette. Vorsichtig führte ich sie in das Schloss ein, suchte nach dem kleinen Hebel, der mir das Schloss öffnen würde.
Gleich würde ich es haben. Gleich hatte ich das Schloss offen und konnte in die Gruft steigen. Gleich würde ich die Särge in Georges Katakombe sehen. Gleich würde ich herausfinden, ob er wirklich existierte. Gleich ... ein Klicken ... mehr brauchte ich gar nicht ... ein Klicken und ...
*Klick*
Ich hielt inne. Dieser Ton war eindeutig zu tief. Oh oh ... Es gibt nur wenige Möglichkeiten, in denen solch ein tiefes Klicken vorkommen kann:

1. Ihre Knochen brechen, wobei es dann wohl eher ein Knacken und kein Klicken ist.
2. Sie setzen sich auf Ihre Brille.
3. Jemand hält eine Pistole in der Hand und zielt damit auf Ihren Kopf.

"Lassen Sie die Sachen fallen, verschränken Sie ihre Hände hinter dem Kopf und zwar sofort."
Verdammte Scheiße!

...

Wie ein Raubtier, das nach seiner Beute gierte, schlenderte Elias den Raum auf und ab. Ein träges Lächeln überzog sein sonst so strenges Gesicht. Nimm mich, nimm mich, hätte ich am liebsten geschrien. Ich war heute dezent masochistisch veranlagt, wie man vielleicht merken konnte.
"Miss Fuchs, ich möchte, dass Sie ein Rätsel für mich lösen", sagte er schließlich. Seine schönen Haare wehten hinter ihm her. Ein Bild formte sich vor meinem geistigen Auge: Er und ich in den Tropen. Die Luftfeuchtigkeit war hoch, die Hitze beinahe unerträglich. Unsere Körper schwitzen, die Perlen liefen an uns hinab.
"Komm zu mir", bat er mich, zog mich dabei sanft aber bestimmt in die offene Dusche hinein. Das kalte Wasser perlte über unsere Körper. Seine Hände verfolgten jede einzelne Perle von oben bis unten, bis ganz nach unten ...
"Miss Fuchs", ertönte es in meinem Traum. Ich zuckte zusammen.
"Bin wieder da", murmelte ich verlegen. Hoffentlich konnte niemand meine Gedanken lesen.
"Haben Sie Ihre Aufgabe verstanden?", fragte er. Wow, warum war es hier nur so heiß?
"Aufgabe?", hakte ich verwirrt nach. Er zog eine wundervolle Augenbraue in die Höhe.
"Bringen Sie mir den Poltergeist."
"Klar. Kein Problem ... bitte was?"