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Macaulay Manor ist ein wunderbares und vor allem fruchtbares Stückchen Land in den schottischen Highlands. Die Berge des Landes ragen in den Himmel empor. Die Gräser waren immer saftig. Die Rinder zeugten von guter Ernährung und die Menschen, die auf Macaulay Manor lebten, waren glücklich und zufrieden.
Mitten in dieser wohligen Gegend lebte Arbell Macaulay, ein kleines zuerst noch unscheinbares Mädchen mit struppigem hellbraunem Haar, großen braunen Augen und einem Freiheitsdrang, dem ihr Vater nicht nur einmal Einhalt gebieten musste.
Arbell galt als fröhliches, unbeschwertes Mädchen. Sie kannte jeden Bauern, dessen Familie und Gut beim Namen. Macaulay House nannte sich ihr zu Hause. Es war ein geradezu überragendes Herrenhaus mit weiten Fluren, großen Zimmern, wunderschönen Vorhängen und einem weit auslaufenden Garten.
Ein kleiner Fischbach krönte das Anwesen mit seiner Schönheit. Unzählige Menschen lebten und arbeiteten in Macaulay House. Der Butler dirigierte seine Untertanen, die Köchin überragte sich mit jedem Mahl und die Zimmermädchen ... Nun ja, sie waren nun mal geschwätzige Gänse.
So nahm das Treiben auf Macaulay Manor seinen Lauf. Pünktlich um acht Uhr morgens klopfte es energisch an der mit Mustern überzogenen Eichentür des Arbeitszimmers des Lairds.
Ungeduldig blickte er auf seine elegante Taschenuhr. Der alte Laird war ein stattlicher Mann. Sein Haar war bereits mit silbrigen Strähnen durchzogen. Sein Oberkörper ließ die kräftige Statur seiner jungen Jahren deutlich erkennen. Seine Oberlippe zierte ein Schnurrbart und auf seiner Nase fand man eine mit runden Gläsern bestückte Brille.
Sein Wesen zeugte von Strenge und duldete keinen Widerspruch. Er führte sein Gut mit gezielter Hand, sodass es reich an Nahrungsmittel und Wohlstand war. Niemand würde es wagen, ihn als jemand anderen zu bezeichnen. Außer bei seiner einzigen Tochter wurde er weich wie Butter. Seit dem Tod von Arbells Mutter, seiner großen Liebe seit seiner Jugend, war seine Tochter das Einzige, was er noch hatte.
Sie allein war der Grund, warum der Laird nicht vollkommen verrückt wurde. Es klopfte erneut. Was mochte das kleine Biest wohl nun schon wieder ausgeheckt haben?
“Herein“, sagte der Laird mit ruhiger, aber tiefer Stimme und widmete sich erneut seinen Rechenbüchern. Die Ausgaben in diesem Monat waren viel zu hoch. Wer um Himmels Willen brauchte jeden Tag frische Blumen in den Zimmern?
Energisch wurde die schwere Eichentür aufgerissen. Der Laird blickte kurz auf, erkannte die starren, verzweifelten Augen des Schulmeisters seiner Tochter, und lies mit einem lauten Seufzen seine Feder fallen.
“Was ist denn nun schon wieder, Mr. Cully?“, fragte der Laird. Eigentlich wollte er gar nicht wissen, was sein kleiner Wildfang wieder ausgeheckt hatte. Die verzweifelten grauen Augen des alten Schulmeisters flehten um Hilfe.
“Mylord, Arbell ist schon wieder verschwunden“, berichtete er kurz angebunden. Sein Atem ging rasend. Seine Hand suchte automatisch sein Herz.
“Kommt herein und setzt euch“, bot der Laird an und deutete zu der mit rotem Samt überzogenen Sitzgelegenheit. Dankend über dieses großzügige Angebot nahm der alte Schulmeister dieses an und ließ sich keuchend auf die Kissen nieder.
“Ich bin zu alt dafür, Mylord. Ich schaffe es nicht mehr. Dieses Kind wird noch mein Tod sein“, beschwerte sich Mr. Cully. Alastair Macaulay klingelte währenddessen an einer kleinen Schnur, die neben der Tür hing.
Unverzüglich öffnete sich die Eichentür erneut. Der treue Butler, Mr. Phipps, trat ein.
“Sie wünschen, Mylord?“, fragte dieser mit ruhiger Stimme. Er wusste, dass Arbell erneut verschwunden war. Er wusste, dass der Schulmeister bald seine Geduld verlieren würde und er wusste nur zu gut, dass der Laird wusste, wen er fragen müsste, um zu erfahren, wo sich seine Tochter aufhielt.
Lässig ließ sich der Laird in seinem breiten Stuhl nieder und fokussierte seinen treuen Butler.
“Wo ist Arbell, Mr. Phipps?“, fragte dieser ruhig. Der Butler schluckte unmerklich.
“Lady Arbell bevorzugt es, in freier Natur zu lernen“, informierte der Butler seinen Herrn. Der Schulmeister stieß einen ungläubigen Laut von sich.
“Da seht Ihr es, Mylord. Wie soll ich dem Mädchen etwas Anständiges beibringen, wenn sie es andauernd bevorzugt, nicht zum Unterricht zu erscheinen?“, fuhr der Schulmeister den Laird an.
Der Laird kannte seine Tochter nur allzugut. Sie war wie ihre Mutter. Freiheitsliebend. Naturliebend. Tiere erweichten die Herzen seiner beiden Frauen nur allzuschnell, sodass sich, als seine geliebte Frau noch gelebt hatte, ein wilder Haufen von Tieren auf seinem Gut breitgemacht hatte.
Wie oft hatte er am Fenster gestanden und ihnen zugesehen, wenn sie sich mit den Welpen spielten, die Falken fliegen ließen, oder die Schweine vor dem Schlachter retteten.
“Mylord?“ Der Schulmeister räusperte sich. Aus seiner Erinnerung gezogen blickte der Laird auf den Schulmeister und seinem Butler.
“Mr. Phipps, holen Sie meine Tochter und bringen Sie sie zu mir. Mr. Cully, geben sie uns eine halbe Stunde. Dann wird Arbell zum Unterrichtszimmer kommen“, beschloss der Laird. Beide, der Butler und der Schulmeister verbeugten sich knapp und verließen den Raum.
“Dieses Kind wird mein Tod werden, Mr. Phipps“, maulte der Schulmeister.
“Aber Mr. Cully, Sie brauchen nur ein wenig mehr Geduld“, beruhigte ihn der Butler und die Tür schloss sich. Ruhe kehrte in seinem Arbeitszimmer ein. Noch etliche weitere Minuten saß der Hausherr in seinem Stuhl. Heute Abend würden sie Besuch bekommen und es wird Arbell nicht gefallen.
Schon lange dachte der Laird darüber nach, wie er Arbell beibringen sollte, dass ihr alter Vater wieder heiraten musste. Es wird dem Kind das Herz brechen, davon war er überzeugt, aber sie brauchte nun mal eine Mutter. Ob es ihnen beiden gefiel oder nicht.
Heute Abend würde die zukünftige Herrin von Macaulay House eintreffen. Lady Fiona Livingstone.

Mr. Phipps setzte den alten Schulmeister bei seinem Lehrzimmer ab und gab dem Zimmermädchen den Befehl, sich um Mr. Cully zu kümmern, solange er auf der Suche nach seiner jungen Herrin war.
Mit einem befriedigenden Lächeln verließ der Butler das Haus und folgte den mit großen Steinen ausgelegten Weg durch den Garten des Anwesens. Nur er allein wusste, wo Arbell sich versteckt hatte und insgeheim war der Butler froh darüber, dass sie es noch immer tat.
Der Verlust ihrer Mutter vor gut einem Jahr hatte das Mädchen völlig verwirrt. Tagelang saß sie starr in ihrem Zimmer, sah aus ihrem Fenster hinaus, sagte kein Wort und zeigte keine Anzeichen von Leben in ihr.
Doch ihr Freiheitsdrang konnte nicht lange vergraben werden. Schnell wurde sie dasselbe kleine Mädchen wie vor dem Tod ihrer Mutter. Sie wurde dasselbe Mädchen, das der Butler so sehr in sein Herz geschlossen hatte.
Vor sich hinlächelnd folgte der Butler den Weg bis hinein in das kleine Wäldchen, das sich auf dem hinteren Teil des Anwesens befand. Jeder normale Spaziergänger würde dem ausgetretenen Pfad folgen, aber nicht er und nicht die kleine Arbell.
Bei einem Baum, dessen riesiger Zweig einst durch einen schweren Sturm abgebrochen war und nun über den Boden streifte, bog der Butler nach links ab.
Er suchte sich seinen Weg durch das Dickicht. Seine Schritte hallten in der Stille und Ruhe des Waldes wider. Dann blieb er stehen. Er spürte ihre Anwesenheit.
Und dann plötzlich, mit einem lauten Rascheln, sprang ihm der kleine Wirbelwind von hinten auf den Rücken.
“Habe ich Sie, Mr. Phipps“, schrie Arbell und packte den Butler am Kragen.
“Ja, Ihr habt mich, kleine Piratenprinzessin“, schrie der Butler und ergab sich dem Spiel, dass seine kleine Herrin so liebte.
“Ergebt Ihr Euch, Eindringling? Wenn nicht, dann werdet Ihr über die Planke laufen und ich werde Euch den Haien zum Fraß vorwerfen“, erklärte sie und ließ den Kragen des Butlers los.
Mit einem aus Holz geschnitzten Schwert stand sie vor ihm, außer Atem aber mit einem unglaublichen Glanz in den Augen, sodass der Butler lachend seine Hände hinter seinen Rücken legte und sich ergab.
“Ihr habt mich gefangen genommen. Oh, welch ein Leid mir doch erfährt. Bitte, zeigt mir Gnade“, flehte der Butler. Entzückt über diese kleine schauspielerische Einlage fasste sich Arbell vor lauter Lachen an den Bauch.
“Hört auf, Mr. Phipps, ansonsten platzt mein Bauch“, lachte sie.
“Seid gnädig zu mir, Mylady. Macht es schnell und dann grüßt meinen Hund von mir. Sagt ihm, dass ich ihn geheiratet hätte, wäre er eine Frau gewesen“, fügte der Butler hinzu.
Das kindliche Lachen durchdrang die Stille dieses ruhigen und schönen Ortes. Arbells kleine Zähnchen blitzten in der Morgensonne. Ihr Augen tränten bereits vor lachen.
“Oh, Mr. Phipps. Wie könnte ich Euch nur den Haien zum Fraß vorwerfen?“, fragte Arbell und ging mit tränenfeuchten Wangen auf den Butler zu. Dieser erhob sich grinsend und reichte seiner Herrin seine Hand.
“Mit Verlaub, Wale wären mir lieber, Mylady. Dann wäre ich mit einem Happen verschwunden.“ Mehr brauchte Arbell nicht zu hören bevor sie erneu in ein unkontrollierbares Gelächter ausbracht.
Zufrieden mit seiner Arbeit geleitete Mr. Phipps die kleine Arbell zurück zum Pfad und führte sie gemächlichen Schrittes hinauf zum Herrenhaus. Mit jedem Schritt in diese Richtung erlosch das Kindergelächter.
Nachdenklich betrachtete sie ihr Heim.
“Was bedrückt Euch, Mylady?“, fragte Mr. Phipps.
“Ich möchte am liebsten hier bleiben, im Garten. Meint Ihr, dass es vielleicht möglich wäre, den Unterricht nach hier draußen zu verlegen?“
“Ich denke wohl eher nicht.“
“Ja. Das dachte ich mir schon“, bestätigte seine kleine Herrin. Des Butlers Herz zog sich bei diesen Worten schmerzlich zusammen.
“Seht es von dieser Sicht: je schneller Ihr in das Schulzimmer gelangt, desto schneller seid Ihr fertig mit dem Unterricht ...“
“Und desto schneller kann ich wieder in den Garten.“, vollendete Arbell mürrisch. Der Butler lachte vor sich hin, während die beiden die Eingangshalle betraten. Irgendetwas irritierte Arbell an den Arbeiten, die das Personal verrichtete.
Sie arbeiteten viel schneller und hektischer. Es wurde sogar in Ecken sauber gemacht, die vorher nie beachtet worden waren. Was war nur hier los?
“Mr. Phipps?“
“Mylady?“
“Was ist hier los?“, fragte das Mädchen unverblümt. Der Butler wusste natürlich, welcher Tag heute war, nur fühlte er sich nicht dazu imstande, es seiner jungen Herrin zu beichten.
“Mylady, Euer Vater möchte mich Euch sprechen.“ Sogleich flogen Arbells Augen zu ihrem engsten Vertrauten empor. Sie wusste es. Sie hatte gewusst, dass sich eines Tages alles ändern würde. Noch einmal. Schon wieder.
Ohne weiter zu protestieren, folgte sie dem Butler in das Arbeitszimmer ihres Vaters. Mit einem kurzen Nicken verständigte der Laird seinem Butler sie alleine zu lassen.
“Setz dich, mein Kind“, bat er seine kleine Tochter. Ausnahmsweise gehorchte Arbell und setzte sich in den Stuhl, den bereits ihr Vater nur wenige Minuten zuvor benützt hatte.
Der Laird saß hinter seinem Schreibtisch, die Hände gefaltet, die Augen und den Verstand vorbereitet.
“Wo warst du?“, fragte er seine Tochter mit strenger Stimme. Jeder einzelne seiner Bediensteten wäre bei diesem Ton schreiend davon gelaufen. Nur nicht seine Tochter. Diese beobachtete ihren Vater mit ruhigen Augen.
“Im Wald“, antwortete sie knapp und legte ihren Kopf ein wenig schief. Dies tat sie immer, wenn sie neugierig war. Sie ahnte etwas. Davon war der alte Laird überzeugt.
“Mr. Cully war vorhin bei mir und hat sich über dich beschwert.“
“Ach, dieser alte Kauz ...“, bemerkte Arbell und tat es mit einer wegwerfenden Handbewegung ab.
“Nicht in diesem Ton, junge Dame“, fuhr sie ihr Vater an. Sie kannte diesen Ton nur zu gut.
“Es tut mir leid, Vater“, erwiderte Arbell und gab somit klein bei.
“Du weißt, dass es nötig ist, in den Unterricht zu gehen. Wie sonst willst du einmal lernen, dieses Gut ordnungsgemäß zu führen?“
“Ich kann auch ohne Unterricht dieses Gut führen“, widersprach die kleine Widerspenstige.
“Nun gut“, antwortete der Laird und stand auf. Er schritt zum Bücherregal, erwählte ein Buch und ging zurück zu seiner Tochter. Bestürzt betrachtete Arbell das schwere Buch, das ihr der Vater vor die Nase hielt.
“Lies es mir vor“, befahl der Hausherr, dessen Augen sich zu kleinen Schlitzen verzogen hatten. Bockig verschränkte Arbell ihre Hände.
“Wusste ich es doch. Arbell, verdammt noch einmal, was soll ich denn noch mit dir tun? Du willst nicht lernen, also habe ich dich eingesperrt. Was machst du? Kletterst aus dem Fenster. Ich habe dir verboten, in den Stall zu gehen. Was machst du? Bittest die Stallburschen, dir das Reiten beizubringen.“
“Das konnte ich vorher schon“, bemerkte das Mädchen mit leiser Stimme. Der Laird beschloss, dass er es nicht gehört hatte.
“Ich verbiete dir, in den Wald zu gehen und was machst du? Schleichst dich heimlich hinfort. Was, um Himmels Willen, soll ich noch mit dir machen, Arbell?“, fuhr ihr Vater fort. Er hatte sich so in Rage gesprochen, dass er nunmehr wütend seine Faust auf seinen Arbeitstisch knallte.
Arbell zuckte unwillkürlich zusammen. Noch nie hatte ihr Vater so mit ihr gesprochen. Als der Laird die ungläubigen Augen seiner Tochter wahrnahm, zügelte er seinen Zorn und ließ sich erneut auf seinen Stuhl hinter seinem Tisch nieder.
“Heute Abend bekommen wir Besuch“, verkündete der Laird.
“Wer kommt denn?“, wollte seine Tochter wissen. Der alte Herr holte tief Luft.
“Deine neue Mutter wird heute Abend hier einziehen.“ Nun war es ausgesprochen, aber sogleich tat es dem Laird im Herzen weh, wie er es seiner Tochter gesagt hatte.
Die Augen des Mädchens füllten sich mit heißen Tränen. Ihr Körper harrte reglos und erstarrt auf ihrem Platz. Als sie sprach, bebte ihre Stimme.
“Du willst Mama ersetzen?“, fragte sie.
“Ich will deine Mutter nicht ersetzen, aber du brauchst nun mal eine Mutter und unser Heim braucht eine Frauenhand, die es führt, wenn ich nicht hier bin“, erklärte der Laird ruhig. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, stand Arbell auf und verließ das Arbeitszimmer ihres Vaters.
Was hatte der Laird da nur angerichtet?