Bianca
 „In umseits bezeichneter Rechtssache beruft sich die einschreitende Rechtsanwaltskanzlei auf die von der beklagten Partei übermittelten Vollmacht, ersucht um Kenntnisnahme und um Zustellung zu Ihren Händen …“
In diesem Moment zuckte ich zusammen und mein verschlafenes Hirn kam zum Erwachen. Müde schlug ich meine Augen auf. Mein Gott, musste ich denn schon nachts davon träumen? Reichte es nicht, wenn ich tagsüber damit zu tun hatte? Verdammte Rechtsgeschichte! Die Leute wussten doch, dass sie eingekerkert wurden. Mussten sie mich so quälen?
Bei diesem Gedanken konnte ich nicht anders als herzhaft gähnen. Ich warf einen Blick auf die Uhr, um zu bemerken, dass ich, Gott sei es gedankt, noch ganze zehn Minuten schlafen konnte.
Wie herrlich waren doch zehn Minuten Schlaf in aller Frühe, um dem ewigen Alltag im Büro zu entkommen. Keine lästigen Telefonate, keine Diskussionen mit dem Chef (oder zumindest mit einem von den dreien, die zwischenzeitig einmal anwesend waren), keine „Wie geht’s dir heute?“- Fragen, keine Ellbogentechnik, um einen Sitzplatz in der U-Bahn zu bekommen … „Brrr, brrr, brrr.“
„Nein!“, schrie ich innerlich. Jetzt hatte ich meine wunderbaren zehn Minuten Freiheit mit Gedanken an die Firma verschwendet.
Mein Arm schnellte ganz von alleine auf die Seite, um meinen Handywecker auszuschalten (bei einem normalen Wecker stand ich nämlich nie auf), und weil es so schön war, streckte ich auch gleich meinen ganzen Körper durch. Der brauchte nämlich immer ein bisschen Zeit, um in Schwung zu kommen. Ich hatte nicht diese bekannten Modelmaße wie Size Zero oder wie sie doch alle hießen. Ne. Ich war eine Frau, die etwas auf den Rippen hatte, nur leider interessierte das keinen Mann, sonst hätte ich nicht schon in aller Herrgottsfrühe an so etwas denken müssen.
Langsam schlug ich die Decke zurück, um aufzustehen, aber wirklich nur sehr langsam. Meine verschlafenen Augen mussten sich erst an das grelle Licht in meinem Zimmer gewöhnen. Es war Frühlingszeit und der Tag begann wieder früher als sonst. Gemütlich schlurfte ich ins Badezimmer. Bis ich endlich dort angekommen war, stolperte ich zweimal über die ­Schuhe meiner besten Freundin, die gleichzeitig auch meine Mitbewohnerin war. Als Nächstes rammte ich die offene Küchentüre und zu guter Letzt stieß ich mir meine Zehen an einem großen Kasten, der in unserem Vorzimmer stand.
Ich musste nämlich durch das Vorzimmer, um überhaupt mal in die Nähe unseres Badezimmers zu kommen. Leise fluchend verbrachte ich die nächsten Minuten damit, mich frisch zu machen, meine Zähne zu putzen und mir die Haare zu stylen.
Zurück in meinem Zimmer stand ich schon vor dem nächsten großen Problem (wie jeden Tag): Was sollte ich heute wohl anziehen? Eher schick oder lieber lässig oder ganz schlicht? Kurzerhand entschied ich mich für einen knielangen schwarzen Rock mit roten Punkten und ein schwarzes T-Shirt, schwarze Schuhe dazu und fertig war ich für den Tag.
Das nächste Ziel war die Küche. Leise schlich ich mich in ihre Richtung, denn ich wusste nicht, ob meine beste Freundin schon auf war. Wir arbeiteten nämlich in derselben Kanzlei, aber es kam hin und wieder vor, dass sie früher ging als ich und dementsprechend auch früher wieder nach Hause kam.
Wieso machte ich das eigentlich nicht und wieso kam mir dieser Gedanke erst jetzt? Ich schüttelte den Kopf über mich selbst und fuhr vor lauter Schreck zusammen, als ich um die Ecke bog. Da saß sie. Die Person, die immer ihre Hausschuhe irgendwo herumliegen ließ.
„Morgen“, gab ich missgelaunt von mir.
„Guten Morgen, Sonnenschein“, schickte mir Petra mit einem breiten Grinsen entgegen.
Bah, wie ich so ein Getue in der Früh hasste. In dieser Sache waren wir ziemlich gegensätzlich Sie war die Frühaufsteherin und ich war der Morgenmuffel. Deswegen ging sie wahrscheinlich öfters früher in die Arbeit. Dieser Gedanke beruhigte mich ein wenig.
„Vergisst du auch heute nicht auf die Vernissage?“, fragte mich meine beste Freundin.
„Bitte was?“, war meine gedankenverlorene Antwort, da ich gerade ein Bild von Robert Pattinson anstarrte. Er versüßte mir jeden Tag den frühen Morgen und ich dankte ihm ausführlich dafür.
„Die Ausstellung! Die, auf die wir heute alle mitgehen müssen. Du weißt schon, komische Bilder und komische Anwälte, weil die Bilder so komisch sind, und davon ein ganzer Haufen auf einmal“, kam es zurück.
Ach ja, da stieg eine schlechte Erinnerung vom letzten Mal in mir hoch. Ein kleiner, weißhaariger alter Mann. Ehemaliger Rechtsanwalt, verwitwet, hatte angeblich etwas mit 20-jährigen Zwillingen und ich sollte die Dritte im Bunde werden. Als wäre er Hugh Hefner und wir seine Bunnys. Also wirklich.
„Müssen wir denn da hingehen?“, quengelte ich wie ein Kleinkind.
„Das ist gut für unsere Karrieren.“
„Welche Karrieren?“
„Na, vielleicht wollen wir auch mal Anwälte werden und gute Kontakte sind in diesem Fall nicht zu verachten“, entgegnete sie, während sie die aktuelle Zeitung las, ohne aufzublicken.
Ich verdrehte die Augen. Das war wohl die blödeste Aussage, die sie je getätigt hatte.
„Ich gehe nicht hin“, unterrichtete ich sie.
„Doch, das wirst du.“ Musste ich denn immer auf Widerrede stoßen?
„Nein, werde ich nicht.“
„Muss ich dich zwingen?“
„Wie willst du das denn anstellen?“, konterte ich, in der Hoffnung, dass die Diskussion nun endlich vorbei wäre.
„Soll ich meinen Cousin einladen, dass er mit dir hingeht?“
Das war gemein. Diese Erpressung setzte sie immer an, wenn sie unbedingt etwas wollte. Allerdings hatte sie ja mehrere Cousins. Vielleicht war das Spiel noch nicht verloren.
„Dein Cousin Martin?“, fragte ich noch mit ein wenig Hoffnung.
„Nein“, war die kalte Antwort.
„Lukas?“, zählte ich weiter auf.
„Nein.“
„Matthias? Manuel? René …?“
„Gib es auf, Schätzchen, du weißt, wen ich meine“, gab sie zur Antwort und ja, ich wusste sehr wohl, wen sie meinte. Marco! Marco, ihr Cousin zweiten Grades, Marco, mit den vielen Pickeln auf den Schultern. Marco, mit der kleinen beginnenden Glatze auf dem Kopf. Oh Gott, nicht Marco!
Während ich überlegte, begann Petra mich auszulachen.
„Oh Mann, so entsetzt hast du schon seit einer Ewigkeit nicht mehr ausgesehen. Also, kommst du nun mit?“, versuchte sie zwischen zwei komischen Geräuschen, die sie Lachen nannte, herauszupressen.
„Bleibt mir denn was anderes übrig?“ Wieso lachte sie mich nur aus?
„Ach, komm schon, du kannst mich dort doch nicht alleine lassen.“ Jetzt setzte sie ihren Schmollmund ein. Sie wusste genau, dass ich ihr da nicht widerstehen konnte.
„Na gut, du Teufelin. Bringen wir das Ganze hinter uns.“
Brummig nahm ich mir mein Mittagessen und wir verließen gemeinsam unsere kleine Wohnung.

Der Tag wollte einfach nicht vergehen. Rund um die Uhr Telefonate, Besprechungen, Kaffee kochen, Klagen bei Gericht einbringen, verärgerte Mandanten aufmuntern, schlechte Musik im Radio hören und auch das Ablösen der Sohle meiner Lieblingsschuhe machte mich ziemlich fertig. Das Einzige, was ich wollte, war, nach Hause zu gehen, mich zu duschen, eine DVD anzuschauen und mich hinzulegen Nun ja, das war nicht alles, was ich wollte. Meine Gedanken schlichen sich auch in nicht jugendfreien Gefilden herum, aber diese versuchte ich erfolglos zu verdrängen.
Meine beste Freundin erinnerte mich jedoch an etwas anderes. Punkt 17.00 Uhr kam sie zu mir gerannt.
„Komm schon. Wir müssen!“, platzte sie hektisch heraus.
„Warum so viel Stress?“, frage ich in aller Ruhe, während ich anfing, meine Sachen zusammenzupacken und mir die Jacke anzuziehen.
„Wir müssen beide noch duschen, uns schminken und fertig anziehen“, rief sie aufgekratzt, als sie schon wieder auf dem Weg zur Türe war.
Na gut, mussten wir also auch das hinter uns bringen.
Eineinhalb Stunden später standen wir beide fertig vor unserem großen Spiegel im Wohnzimmer. Petra sah wunderschön aus. Sie trug das berühmte kleine Schwarze mit schlanken Trägern, die ihr gut auf den Schultern saßen. Die Ihre kurzen Haare hatte sie gegelt. Auf ihre Figur konnte Frau sehr wohl neidisch werden. Sie war schlank. Sie hatte eine wunderschöne, schlanke Figur und eine glatte, reine, makellose Haut (hin und wieder mit ein paar Ausnahmen).
Mit einem Blick in den Spiegel und im direkten Vergleich zu ihr wurde mir ganz übel. Ich trug mein Lieblingskleid. Es war in einem hübschen Schokoladenbraun, knielang und hatte nur einen Träger auf der rechten Schulter. Es glänzte und schimmerte. Dazu hatte ich natürlich den passenden Schmuck angelegt und schwarze Schuhe angezogen. Meine Haare waren schulterlang und schwarz gefärbt, mit einer roten Strähne auf der rechten Seite.
Meine Wangen zierten viele, viele Sommersprossen. Auf meiner Unterlippe fand sich sogar ein Muttermal. Natürlich entdeckte man das nur, wenn man sich für mich interessieren würde.
Petra hatte damit keine Probleme. Ihr liefen die Kerle scharenweise hinterher, und nicht nur Kerle. Auch Damen warfen ihr unanständige Blicke zu. Manchmal wusste ich nicht einmal, welche Orientierung sie bevorzugte, aber ich nahm mal an, sie orientierte sich in beiden Richtungen. Fertig und in halbwegs guter Laune machten wir uns auf den Weg zu der Vernissage.
„Ich will nicht“, versuchte ich es nochmals.
„Ach was. Es wird sicher ein schöner Abend werden. Wer weiß, vielleicht finden wir jemanden für dich. Du solltest öfters mal jemanden daten“, meinte sie, während ich versuchte, einen Parkplatz zu finden. Fluchend musste ich drei Mal um den Häuserblock fahren, um endlich irgendwo einparken zu können. Mit meinem nigelnagelneuen Suzuki brauchte ich Platz, denn er war etwas wuchtiger als manch andere Autos.
„Du brauchst nicht glauben, dass ich niemanden kennenlernen will, nur irgendwie will mich keiner kennenlernen“, schoss ich knurrig zurück. Das Leben war ja so traurig.
„Papperlapapp, wir finden schon jemanden.“ Dieser ewige Optimismus machte mich ganz fertig. Ich hatte schon immer die etwas dun­klere Seite bevorzugt, wo man sich richtig gehen lassen und schlecht gelaunt sein konnte, ohne jemanden zu beleidigen. Die Faszination, die manch Dunkles auf mich ausübte, wuchs fast täglich.
Endlich hatten wir geparkt, mussten jedoch noch einige Minuten zu Fuß gehen, um zu dem Atelier zu kommen.
„Was waren das noch mal für Bilder?“, fragte ich Petra.
„Die berühmtesten Verbrecher aller Zeiten.“
„Warum sollte ich mir tote Verbrecher ansehen wollen? Die hätten sich für mich auch nicht interessiert“, hakte ich gelangweilt nach.
„Die hätten sich auch mit Sicherheit nie für eine feste Bindung interessiert, also vergiss es. Hauptsache, Petra ist da …“, verplapperte sie sich und wurde knallrot im Gesicht. Also daher wehte der Wind.
„Was läuft denn da mit Petra?“, fragte ich so beiläufig wie nur irgend möglich.
„Ach nichts“, kam zurück.
„Sag schon. Ist sie ’ne heiße Nummer?“, fragte ich mit einem Augenzwinkern. Ihr Gesicht wurde noch röter. Wie das ging, wusste ich nicht recht. Wir hatten Petra 1 vor Kurzem auf einer Party kennengelernt. Meine Freundin Petra hatte mich natürlich dorthin mitschleifen müssen. Das Ergebnis: sie tanzte und hatte Spaß und ich saß in der Ecke, las ein Buch und wartete darauf, dass die Zeit verging.
„Wir haben nicht … Also wir … Äh … Da sind wir schon!“, rief sie plötzlich aus.
So ein Mist, fast hätte ich sie so weit gehabt, dass sie es mir gesagt hätte. Aber der Abend war ja noch nicht vorbei. Wir begrüßten unsere Kollegen und unsere Chefs, bekamen unsere Karten und marschierten wie eine kleine Truppe Soldaten in Zweierreihen in die Galerie Das Erste, was mir auffiel, war, dass es ziemlich hell war. Die Wände waren weiß gestrichen und es hingen überall riesengroße Bilder herum (was ja auch Sinn und Zweck der ganzen Sache war). Der Fußboden war mit Parkett überzogen und hin und wieder fand man weiße Sessel oder Couchen.
Wir gingen alle gemeinsam zum Aperitif. Da ich nichts Alkoholisches trank, bestellte ich mir nur einen Orangensaft. Immerhin besser als nichts. Ich ließ meinen Blick über die Leute wandern, die alle hier waren. Es erinnerte mich ganz entfernt an einen Familienausflug. Männer mit ihren Söhnen und Töchtern, die mal in ihre Fußstapfen treten würden, waren hier. Überall wurden mit ausgezeichnetem Erfolg bestandene Diplome hergezeigt. Die Bilder waren anscheinend eher eine Nebensache.
„Ich schau mal, ob Petra hier ist“, zwinkerte mir meine beste Freundin zu und auch ich gesellte mich nun zu der ­Menschenmenge. Gedankenverloren stand ich vor dem Ebenbild von Al Capone. Unter dem Bild fand sich eine kleine Aufschrift: „Alphonse Gabriel Capone, * 17. Januar 1899 in Brooklyn, New York, NY, USA; † 25. Januar 1947 in Palm Beach, Florida, war einer der berüchtigsten Verbrecher Amerikas in den 1920er- und 1930er-Jahren.“ Ich hatte mal in der Schule ein Referat über Al Capone gehalten. Das hatte zwar alle interessiert, gemerkt hatte sich jedoch keiner etwas davon.
„Ein interessanter Mann, finden Sie nicht?“, sagte eine tiefe, samtweiche Stimme hinter meinem Rücken. Ich fuhr erschrocken herum und starrte in wunderschöne, grüne Augen. Sie hatten mehrere verschiedene Töne. Außen waren sie dunkel – und innen wurden sie immer heller. Sie durchbohrten mich wie eine Schlange, die tagelang am Verhungern war.
Mein Blick glitt nach oben zu seinem Haar. Wunderschöne, blonde, verwilderte Locken, die er nicht ganz schulterlang trug. Eine ausgeprägte Nase sowie ein ebensolches Kinn stachen mir sogleich in die Augen, aber mein Blick blieb an seinen anbetungswürdigen Lippen hängen.
Sie waren zu einem schiefen Grinsen verzogen und unwillkürlich entstand in meiner Fantasie ein Bild, wo seine Lippen meine kosten würden. Meine Finger würden durch seine Locken streifen, ich würde ihn näher an mich ziehen und dann würde ich …
„Hallo? Sind Sie noch bei mir?“, fragte diese sanfte Engelsstimme in mein verträumtes Gesicht, Huch …
„Äh … Ja … Entschuldigen Sie … Äh …“, stammelte ich verlegen vor mich hin.
Ich spürte schon, wie die Röte in mein Gesicht stieg. Auch wenn Petras Kopf vorhin schon ziemlich rot gewesen war, meiner konnte es noch toppen.
„Dieser Mann … Al Capone. Er ist ein wirklich faszinierender Mann“, begann er aufs Neue. Ich starrte abermals seine Lippen an. Sie waren so vollkommen, wenn sie sich gerade bewegt hatten. Bitte was?
„Äh … Ja, stimmt. Sehr faszinierend“, stammelte ich weiter vor mich hin und drehte mich von ihm weg. Es war doch völlig egal, ob der Kerl interessant war, oder nicht. Der Fremde trat einen Schritt näher zu mir. Ich konnte förmlich seine Nähe hinter mir fühlen und sogar riechen. Sie war warm, nein, regelrecht heiß war sie und sein Geruch, er war so männlich. Nicht so wie die Schlappschwänze, die ich bis jetzt gehabt hatte, nein. Mich schüttelte es durch und durch.
„Mein Name ist Gabriel. Ich habe gehört, Sie kennen meine Freundin Petra?“, fragte mich der unbekannte Schöne. Langsam drehte ich mich wieder herum. Gabriel, was für ein schöner Name und so passend für ihn.
„Nun ja, wir, also meine Freundin Petra und ich, haben Petra, also Ihre Freundin Petra, letzte Woche kennengelernt. Petra, also meine Petra, also meine beste Freundin Petra, meine ich, ist ganz verrückt nach ihr. Oh Gott, das hätte ich jetzt vielleicht nicht sagen sollen …“, sprudelte es aus mir heraus. Das tat ich immer. Ich blamierte mich und meine Lieben ununterbrochen bis auf die Knochen, und das noch mehr, wenn ich nervös war. Warum musste er auch so verdammt sexy aussehen?
„Bitte verzeihen Sie mir mein Gerede. Ich wollte damit nicht sagen, dass Ihre Freundin und meine … also …“, stammelte ich zu Gabriel und drehte mich mit hochrotem Kopf wieder um. Vielleicht könnte sich der Boden gnädigerweise jetzt für mich öffnen? Bitte? Nichts! Danke!
Ein leises Lachen drang von hinten an mein Ohr. Ich schmolz dahin wie Butter in einer heißen Pfanne.
„Sie sehen entzückend aus, wenn Sie verlegen sind“, flüsterte Gab­riel in eines meiner tomatenroten Ohren. Bei diesen Worten fing mein Herz an zu flattern. Hatte er das ernst gemeint? So etwas hatte noch nie jemand zu mir gesagt und dann sagte das ausgerechnet ein halber Engel? Ich hyperventilierte innerlich. Er stand ganz dicht hinter mir. Das konnte ich zum einen fühlen und zum anderen sah ich es in dem Glas, das Al Capone verdeckte. Es trennten uns nur wenige Millimeter. Ich musste fast meinen Kopf recken. Er war groß … und wie groß er war. Er überragte mich fast um einen Kopf. Und Schultern hatte er. Boah … Er war so breit wie mein Kleiderschrank.
Hinter ihm konnte ich mich zweimal verstecken. Er war von oben bis unten, soweit ich das beurteilen konnte, vollkommen durchtrainiert. Man konnte kein Gramm Fett an ihm sehen. Puh, und was das für Muskeln waren! Innerlich verwandelte ich mich gerade in ein verruchtes Luder und spitzte anzüglich die Lippen. Würde er mich vielleicht erhören?
„Wie ist Ihr Name?“, fragte er mich und durchbrach meinen Gedankenstrom. Gott, wie scharf ich gerade war. Unfassbar.
„Bianca“, flüsterte ich kaum hörbar.
„Welch wunderschöner Name. Italienisch, nicht wahr?“
„Genau. Aber Gabriel ist auch ein schöner Name. Wie einer der Erzengel.“ Oh nein, das hatte ich jetzt nicht wirklich gesagt, oder?
„Vielen Dank, meine Schöne“, flüsterte er hinter mir. Er hatte mich „meine Schöne“ genannt, hallte es durch meinen Kopf. Sein Atem strich über mein Haar und sein Duft war berauschend. Moment mal, flirtete dieser Typ mit mir? Und hatte er nicht gesagt „meine Freundin Petra“? Meine Gedanken überschlugen sich. Wie konnte er mich nur anmachen und dann zurück zu seiner Freundin rennen? Also bitte, in welchem Zeitalter lebten wir denn? Ganz genau in diesem, schoss es mir durch den Kopf. Ein Kerl nahm sich, was er wollte, benützte es und ließ es wieder stehen, um zu seiner Freundin zurückzulaufen. Aber nicht mit mir, Freundchen. Dabei würde ich mich doch so gerne von ihm benutzen lassen. Innerlich schickte ich einen lauten Seufzer gen Himmel. Warum musste das schon wieder mir passieren?
Aber nicht noch einmal. Mit gestrafftem Rücken drehte ich mich zu ihm herum und warf ihm, wie ich dachte, einen bitterbösen Blick zu.
„Was fällt Ihnen eigentlich ein, mich hier so schamlos anzuflirten?“, fauchte ich ihn wie eine Wildkatze an. Ja, genau, das war die richtige Linie, ermutigte ich mich selbst.
„Wie können Sie nur, wo Sie doch Ihre Freundin im Schlepptau haben?“, krächzte ich ihn weiter an.
„Aber ich habe doch gar keine …“, begann er und seine Lippen umspielten ein teuflisches Grinsen.
„Ach, kommen Sie mir doch nicht so!“, unterbrach ich ihn in seinen Ausführungen. Warum mussten Männer immer so viel reden?
„Außerdem brauchen Sie gar nicht so zu grinsen. Sie machen mich damit nicht nervös.“
„Mein Lächeln macht Sie also nervös?“, fragte er nach und schmunzelte weiter. Oh nein, falscher Schachzug, ganz falsch.
„Nein, natürlich nicht. Aber … also … ähm …“ Ich drückte meinen Rücken durch und hob meine Nase etwas an, machte meine Augen zu Schlitzen und sagte in meiner Verzweiflung: „Ich muss auf die Toilette.“ Gut gemacht, munterte ich mich auf.
Ich drehte mich nach rechts um. Wo war eigentlich die Toilette? Verdammt, warum konnte ich mich vorher nie vergewissern, wo ich was fand. Ich stakste zunächst mal nach rechts. Blöd war nur, dass ich nach etwa fünf Schritten bereits in einer Sackgasse gelandet war.
Mein Kopf wurde erneut rot. War er noch da, während ich mich hierher verirrt hatte? Er dachte wohl, er hatte es mit einer Verrückten zu tun. Na toll, da fand mich mal jemand hübsch und was tat ich? Rannte in die falsche Richtung, um auf die Toiletten zu gehen, die ich noch nicht einmal brauchte, zurzeit zumindest.
O. k., ganz ruhig. Ich sollte mich jetzt einfach umdrehen und in die andere Richtung gehen. Gedacht, getan und was starrte mich mit großen grünen Augen an und musste ein Lachen unterdrücken?