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2009

2010
„… und so… (räusper)… komme ich zum letzten Teil meines Vortrages… ähm…“
„Pst.“ Wo kam das her? Ich stockte, räusperte mich und wollte endlich diesen furchtbaren Abend hinter mich bringen. Die Jugend von heute hatte wirklich, eindeutig und wahrhaftig zu viel Phantasie für meinen Geschmack.
„Nun, wie Sie hier sehen können…“, setzte ich an und zeigte auf meine Overhead- Folie auf der ich ein paar Bilder aufgedruckt hatte.
„Ähäm…“ Ich hielt inne. Wollte mich hier jemand zum Narren halten?
„… habe ich einige Gegebenheiten aufgelistet die zu beachten sind, wenn man eine paranormale Untersuchung durchführt…“
„PST! Hey, Linn…“, flüsterte die Stimme nun etwas lauter und ich hielt erneut inne bis ich zur Seite blickte. Dort stand sie. Meine gute Seele. Meine zweite Hälfte. Ein Schicksal, welches ich bis heute nicht begreife was ich je so schlimmes getan hatte, dass ich dieses tragen musste.
„Ein Mann ist am Telefon.“, flüsterte Sara und hielt ihre Arme trichterförmig an ihren Mund um, vermutlich, die Schallwellen zu verstärken. Sara gehört zu denjenigen, die sich jeden Blödsinn merkten der irgendwann einmal in irgendeinem Magazin abgedruckt wurde.
Ich deutete ihr unterm Rednerpult an, dass ich doch jetzt keine Zeit hatte. Außerdem, Männer brauchten nicht zu glauben, dass Frauen einfach so sprangen nur weil sie meinten, dass sie zufällig am Telefon waren.
„Wann geht es denn weiter?“, rief ein empörter Student. Grundgütiger, gingen mir diese Studenten auf die Nerven. Ich war zwar selbst nicht viel älter als sie, aber ich hatte mich nie so blöde benommen. Das war zumindest meine Ansicht. Die Ansicht meiner Mutter war: Such´ dir endlich einen richtigen Job und vergiss die Geister.
Meine Antwort darauf hieß dann immer: Ja, Mama (mit verdrehenden Augen natürlich).
„Natürlich.“, versuchte ich zu beschwichtigen und wandte mich wieder meiner Folie am Overheadprojektor zu.
„Wie Sie hier sehen können, gibt es viele Gelegenheiten, in denen man meint, einen Geist oder eine paranormale Erscheinung zu sehen, es jedoch keine ist wie zum Beispiel…“
„Pst. Er gibt uns eine Menge Geld wenn wir ihm seinen Geist austreiben.“, platzte es aus Sara heraus und unterbrach mich erneut.
„Dann sag ihm, ich rufe ihn zurück.“, stieß ich zu ihr gewandt hervor.
„Mann, das hier ist lahm.“, schrie ein anderer Student und die Menge gab ihm eindeutig recht.
„Das hier ist nicht lahm. Das ist bei jeder Untersuchung wichtig. Zuerst sollten Sie offensichtliche Dinge ausschließen, wie zum Beispiel offene Fenster durch die Licht von der Straße dringt. Dann gäbe es noch alte, hohle Rohre die Geräusche übertragen…“.
„Er sagt, dass es ein richtiger Geist ist und dass das ganze Dorf in Angst und Schrecken lebt.“, informierte mich Sara von der Seite der Bühne hinweg.
„Dann wird es noch einen weiteren Abend in Angst und Schrecken leben.“, giftete ich zurück. Gott, konnte dieser Abend nicht schon vorbei sein?
„Vergewissern Sie sich zuerst, wo elektrische Leitungen gelegt worden sind und wo eventuelle Luftzüge entstehen könnten durch Schächte zum Beispiel…“, führte ich weiter aus, doch die Menge wurde unruhiger.
„Er sagt, der Geist hat schon wieder jemanden umgebracht.“ merkte Sara an.
„Ich rufe ihn zurück.“, betonte ich nochmals zu ihr gewandt und mit Müh und Not konnte ich dann endlich in den nächsten fünf Minuten meinen gewöhnungsbedürftigen Vortrag zu Ende führen.
Die Studenten verließen erleichtert den Vorlesungssaal, der Direktor sah nicht besonders glücklich drein, ich war mies gelaunt weil ich den Vortrag verkackt hatte, nur Sara alleine strahlte über das ganze Gesicht als ich zu ihr ging.
„Es muss wirklich Dämonen geben. Das ist die einzige Erklärung die ich mir geben kann, dass ich dich als Freundin und Assistentin habe.“, bemerkte ich müde als sie mir sofort die Notiz ihres mysteriösen Anrufes vor die Nase hielt.
„Das ist unsere Chance, sage ich dir. Das wird unser Durchbruch. Jeder auf der Welt wird uns kennen und sie werden alle zu uns kommen. Ich bin ja so aufgeregt.“, sprudelte es aus hier hervor und ich merkte tatsächlich, wie aufgeregt sie war.
Im Gegensatz zu mir versteht sich.     
Sara und ich waren nun schon seit Jahren gemeinsam unterwegs. Wir hatten unsere eigene kleine Firma gegründet. Um es kurz zu sagen, wir suchten Geister.
Das dachten zumindest die Leute. In Wirklichkeit waren wir beide Stümper, denn alle geisterhaften Erscheinungen konnten wir bis dato auf natürliche Ursachen zurückführen.
In der Schule galt ich als Außenseiter. Die Leute mussten gespürt haben, dass ich etwas anders war als sie. Ich hatte kein Interesse an Mode, Make- up, oder Pop- Musik. Ich interessierte mich wenig für Jungs und für Beziehungen noch weniger. Natürlich hatte ich schon einige hinter mich gebracht, aber die meisten von ihnen waren Reinfälle und dann lernte ich Sara kennen.
Sara war ein wenig kleiner als ich, hatte langes glattes Haar und ein schön geformtes Gesicht. Ihre Figur war tadellos und ihr Auftreten war jenes einer halben Göttin.
Ihr Problem war eher gewesen, dass sie sich nicht auf ihr Äußeres verlassen wollte und so schlossen wir schnell Freundschaft. Als sie merkte wofür ich mich insbesondere interessierte, hatte sie sich mir angeschlossen und nun standen wir hier mit unseren 24 Jahren und hatte unser eigenes kleines Unternehmen gegründet.
Ok, finanziell war das so eine Sache. Die Leute wollten natürlich nicht viel bezahlen und wir lebten eher von Instituten die unsere Arbeit förderten, aber auf Dauer konnte man damit wohl nicht reich werden (was auch nie meine Absicht war).
Müde ließ ich mich auf den nächstbesten Stuhl sinken.
„Erzähl.“, forderte ich sie auf, denn sie konnte es kaum abwarten mir alles zu erzählen. Das sah ich ihr schon an der Nasenspitze an. Sie setzte sich gegenüber von mir und sah mich eindringlich an.
„Was?“, wollte ich wissen, denn so einen Ausdruck hatte sie nur im Gesicht, wenn sich wirklich etwas Großartiges ereignet hatte. Mit angespanntem Gesicht schien sie zu überlegen. Natürlich konnte es auch etwas sehr schlimmes sein wie zum Beispiel das Finanzamt weil wir vielleicht wieder vergessen hatten, Steuern zu zahlen, oder es war das Institut, das noch immer auf seine Ergebnisse wartet.
Oder es war Saras Maniküre die ihren Termin verlegt hatte, oder, und das war natürlich das allerschlimmste, Toni, Saras Masseur, hatte keine Zeit für sie. Gott, Toni, welch großartige Hände. Mir rieselte es den Rücken herunter.
„Er hat uns Geld geboten, dafür, dass wir ihm seinen Geist austreiben.“, sagte sie und ich wurde stutzig.
„Wie viel Geld?“, wollte ich wissen und setzte mich sogleich auf. Hey, Geld regierte nun mal zeitweilig die Welt und ohne konnte man auch nicht leben.
„Willst du es wirklich wissen?“, fragte sie.
„Natürlich.“, bestätigte ich und konnte es kaum mehr abwarten.
„Ganz ehrlich?“, hackte sie nochmals nach und ein spitzbübisches Lächeln trat auf ihr Gesicht.
„Entweder du sagst es mir, oder ich reserviere Toni für die nächsten vier Wochen ganz alleine für mich.“, drohte ich und sogleich wich alle Farbe aus ihrem Gesicht. Ich grinste in mich hinein.
„Ok, ok. Du musst ja nicht gleich mit den großen Geschützen kommen. Er bietet uns 10.000,00 Euro. Im Voraus.“ Mir fiel die Kinnlade nach unten.
„10.000,00 Euro? Bist du dir sicher?“, fragte ich. Das konnte doch nicht wahr sein, oder? Wer gab bitte 10.000,00 Euro dafür aus, einen läppischen Geist aufzuspüren?
„Ich schwöre. Ich habe die Summe dezent im Gespräch mehrmals wiederholt und er hatte sie nie verbessert. Wir sind reich, wir sind reich!“, schrie sie, sprang auf und hüpfte wie eine Irre durch die Gegend.
„Jetzt warte doch einmal. Beruhige dich.“ Sie setzte sich.
„Warum sollte er uns soviel Geld dafür bieten einen einfachen Geist loszuwerden?“, hackte ich nach und sogleich klingelte Saras Telefon. Sie schaute auf die Nummer und grinste von einem Ohr zum anderen.
„Du nimmst diesen Auftrag an. Haben wir uns verstanden?“, fuhr sie mich an als sie mir das Handy hin hielt.
„Mal sehen.“, gab ich kund, wollte nach dem Handy greifen, doch sie zog es mir weg. Es läutete noch immer.
„Linn… das ist unsere Chance.“, beschwor sie mich und ich verdrehte die Augen.
„Gib schon her.“, sagte ich und riss ihr das Handy aus der Hand. Ich nahm ab.
„Geister haben bei uns keine Chance. Linn am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“ Ok, ok. Uns war noch immer kein guter Slogan eingefallen. Ich war für die Geisterjagt zuständig, nicht für die Werbemaßnahmen.
„Hallo, Miss Linn. Hier sprich Lord Tairdhealbhach O´ Donnellan.“ Bitte?
„Ähm… Hallo, Lord…“ Ich hatte den Vornamen schon wieder vergessen, als er ansetzte um den Nachnamen auszusprechen.
„Nennen Sie mich einfach Shane.“ sagte er und lachte. Seine Stimme war tief. Gewaltig tief und sie tropfte förmlich vor lauter Mysterie. Mir lief es eiskalt die Arme runter.
„Vielen Dank, Shane. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“, fragte ich und wurde das Gefühl nicht los, dass sich mein Leben in diesem Augenblick vielleicht verändern würde. Kitschig, nicht wahr? Sara würde es gefallen.
„Ich möchte mich kurz schließen. Ich habe für Sie und Ihre Assistentin, der reizenden Sara, zwei Flugtickets für Morgen Abend zurücklegen lassen. Ich möchte, dass Sie beide nach Irland kommen und mir bei einem… nun ja… sagen wir mal unliebsamen Gast helfen.“, erklärte er und  genau da war es.
Das war der Grund, warum ich Männer normalerweise mied (was nicht hieß, dass ich lesbisch war. Keinesfalls).
„Leider muss ich Sie hier enttäuschen, Shane. Sara und ich sind morgen bereits für ein Sit- down gebucht worden. Unsere Klienten verlassen sich auf uns und das können wir unmöglich verschieben.“, erklärte ich und bekam prompt von Sara einen heftigen Stoß in die Rippen.
Verärgert schaute sie mich an und positionierte sich gefährlich vor mir. Mit ihren Lippen formte sie ein „Du bist tot wenn du auflegst.“ Reizend, nicht war?
„Ich biete Ihnen viel Geld für Ihre Dienste. Sehr viel Geld.“, antwortete Shane und seine Stimme kam mir vor, als würden gerade winzig kleine Schneeflocken vom Himmel herabfallen.
Es war schwer sich von ihr zu lösen, aber noch schwerer war es, sie nicht gewähren zu lassen.
„Geld ist mit Sicherheit ein wichtiger Punkt im Leben. Aber wir pflegen unsere Stammkunden und ein solcher hat uns für morgen Abend gebucht.“, erklärte ich. Dass das eine glatte Lüge war muss ich wohl nicht erwähnen.
Sara lief derweil fast Amok.
„Ich fürchte, Sie verstehen mich falsch, Linn. Ich darf doch Linn sagen?“
„Natürlich.“ Oder etwa nicht?
„Nun, Linn,…“ Das hörte sich gar nicht gut an.
„Ich habe Sie aus vielen Bewerbern ausgesucht um mir bei meinem kleinen Problem zu helfen und ich bin es nicht gewöhnt, dass man mich abweist.“, sagte er und mir rieselte es nun über den Rücken.
„Aber wir haben uns gar nicht bei Ihnen beworben…“, widersprach ich, doch er unterbrach mich einfach.
„Lassen Sie es mich so ausdrücken, Linn: Ich bekomme immer was ich möchte. Ob ich den schweren, oder den einfachen Weg wähle hängt ganz von Ihnen ab.“
„Aber…“, protestierte ich.
„Wir sehen uns morgen Abend.“, brummte er und legt auf. Langsam nahm ich die Hand von meinem Ohr und starrte das Handy an. Was war da gerade
passiert?
„Und?“, wollte Sara wissen und riss mir das Telefon aus der Hand.
„Wir werden wohl dort hin fliegen müssen.“, berichtete ich und wurde das Gefühl nicht los, dass hier nicht alles rechtens war. Es lief ganz eindeutig etwas schief und das würde ich mir nicht gefallen lassen. Unglaublich…

20 Stunden später drängten wir uns in Dublin zur Gepäckausgabe.
„Das setzte ich auf meine „Warum ich Sara irgendwann töte“ Liste.“, murmelte ich, als mir erneut jemand seinen Ellenbogen in den Rücken stieß. Mann, ey, hatte man hier keine Manieren?
„Ich… wusste gar … nicht, dass… du so… eine Liste… hast…“ presste Sara hervor nachdem sie mühevoll versucht hatte, sich einen Platz neben mir zu ergattern. Für gewöhnlich sprühten ihre Augen vor Begeisterung wenn wir einem neuen Fall nachgingen, aber jetzt war ihr anscheinend die Lust an dem ganzen hier vergangen. Ha, ha.
„Oh doch, die habe ich und zwar schon seit unserer ersten Begegnung.“, informierte ich sie und setzte, mutig und unerschrocken wie ich nun mal war, zu einem Schulterrempler an.
Der Mann drehte sich zu mir um und starrte mich fuchsteufelswild an.
„Oh, Verzeihung… ähm… ich bin ja so ungeschickt…“, entschuldigte ich mich und wandte mich mit einem hochroten Kopf wieder um. Ok, manchmal war ich mutig und unerschrocken. Ok, ich war hin und wieder mal mutig und unerschrocken. Ok, ich war nie mutig und unerschrocken, außer wenn es um die Geisterjagd ging.
Da machte mir keiner so schnell etwas vor. Nicht mir, Linn, der Geisterjägerin.
„Wow. Da bist du ja endlich.“, keuchte Sara als sie endlich zu mir gestoßen war.
„Ich möchte nur anmerken, dass das hier alles deine Idee war.“, nörgelte ich herum. Das Gepäckband begann sich zu bewegen und die ersten Koffer kamen zum Vorschein.
„Das war überhaupt nicht meine Idee. Das war die Idee von Marshmallow O´ Donnal.“, antwortete sie und starrte gebannt auf das Band.
„Bitte wer?“, fragte ich nach.
„Na, Hallenbad O´ Donna.“
„Hä?“
„Unser Auftraggeber, du Depp.“ Sie verdrehte die Augen.
„Ach, du meinst Shane.“ Jetzt hatte es geklingelt.
„Ja, genau den. Von wem sollte ich sonst reden?“
„Ey, du hast von Marshmallows und Hallenbäder gesprochen. Woher soll ich denn auch nur erahnen, dass du Shane damit meinst?“, rechtfertigte ich mich. Sie verdrehte abermals die Augen.
„Außerdem heißt er gar nicht so.“ fügte ich hinzu und hoffte, dass Sara den Wink verstanden hatte und mir sogleich den richtigen Namen sagen würde.
„Vergiss es. Ich hatte den Anfang des Namens schon vergessen als er zum Ende gekommen war und das schon beim Vornamen. Vom Nachnamen brauchen wir gar nicht erst zu reden.“ Mit einer lässigen Handbewegung tat sie das Thema somit ab.
Dafür mochte ich sie so sehr. Sie konnte zwar so etwas von nervig sein, aber andererseits waren wir uns so ähnlich, dass es mir manchmal schon wieder unheimlich vorkam.
„Schau, dort ist einer unserer Koffer.“, quietschte sie plötzlich los und zeigte auf einen, der gerade zum Vorschein gekommen war. Wir hatten uns damals nicht einigen können wie wir unsere Firma benennen sollten und nach einigen falschen Markenanmeldungen hatten wir uns unkompliziert und völlig kitschig für den Namen „Geisterbehörde: Linn & Sara“ entschieden.
Kitschig, das wusste ich. Somit prangte quer über unserem Koffer unser Firmenname in einer fetten Logoaufschrift, die kaum zu übersehen waren. Ok, es war schon ein wenig peinlich, aber Sara wollte es so, damit wir unsere Koffer ja wieder fanden.
„Entschuldigung, sorry, execuse me, pardon,… aus dem Weg.“ rief ich und griff zum ersten Koffer. Zu zweit zogen wir ihn mühevoll hervor. Ey, die waren wirklich schwer.
Sara zog ihn zur Seite und ich entdecke den nächsten Koffer mit unserem Firmenlogo. Dasselbe Spiel, ein anderer Koffer. Ziehen, schieben. Ziehen, schieben. So ging das noch acht Mal, sodass wir schlussendlich verschwitzt mit zwölf Koffern da standen.
„Verdammt. Warum haben wir soviel mitgenommen? Was ist da überhaupt drinnen? Und da? Und da?“ Sara war am hyperventilieren, denn ihr Make- up war verrutscht und das konnte sie natürlich nicht auf sich sitzen lassen.
„Shane hatte uns nicht gesagt, ob wir unser Zeug selbst mitnehmen müssen, oder ob er es vorrätig hat und deswegen habe ich einfach alles eingepackt.“, erklärte ich.
Ich hasste es, mit fremden Geräten zu arbeiten und so war ich nun mal auf Nummer sicher gegangen und hatte wirklich ALLES mit genommen.
„Hast du das ganze eigentlich dem Zoll gemeldet?“, fragte sie und beäugte das alles kritisch. Oh, oh. Ich wusste doch, dass ich etwas vergessen hatte.
„Nun ja… also… ich… Sieh mal, dort ist eine Toilette mit Spiegeln.“, rief ich und zeigte hinter Sara.
„Gott sei Dank.“, stöhnte sie, zog ihr kleines Schminktäschchen aus einer der vielen Taschen und verschwand schleunigst. Halleluja. So schnell vergaß sie etwas.
Während Sara auf der Toilette war scharrte ich meine Koffer um mich. Ich war heilfroh, dass alles angekommen war, denn das hatte mich ein kleines Vermögen gekostet und die Bank hatte wohl nicht mehr sooo viel Geduld mit mir wie sie mit letztem Schreiben anklingen hat lassen.
Aber: meine Sorgen würden sich erledigt haben, wenn wir diesen Geist hier alle machten und dann schnurstracks nach Hause und zu Toni fahren würden. Gott, wie lange brauchte Sara nur? Ich war mit herum schieben und aufstellen und zur Seite stellen fertig und sie war noch immer nicht hier.
Die Leute gingen an uns vorbei und schüttelten den Kopf, oder belächelten mich, oder zeigten auf mich und meine geliebten Koffer. Ich war geneigt, ihnen meine Zunge hinauszustrecken. Es erschien mir aber nach reiflicher Überlegung ein wenig kindisch zu sein und deswegen ließ ich es.
Stattdessen wollte ich mich auf meinen größten Koffer anlehnen, doch irgendwie griff ich ins leere.
„Wow…“ rief ich aus und kippte seitlich weg. Ich versuchte noch mit meinen Beinen das Gleichgewicht wieder herzustellen, doch irgendwie war auf einmal eines meiner Beine in der Luft weggestreckt und das andere Bein knickte unter mir einfach weg. Meine Arme ruderten wild durch die Luft und ich schloss einfach fest die Augen.
Platsch. Bumm. Krach.
„Ahhh…“, stöhnte ich meine Qualen von mir, doch es interessierte sich niemand dafür. Stattdessen fing eine ganze Gruppe von Teenagern an zu lachen und zeigten mit den Fingern auf mich. Kleine unverschämte rothaarige Rotzlöffel.
„Dich kann man wohl auch nicht lange alleine lassen, Schatz.“, ertönte Saras belustigte Stimme.
„Ja, ja. Hilf mir hoch.“, fauchte ich sie an. Das fing ja schon gut an. Mit einem lauten Stöhnen ergriff sie meine Hüfte und versuchte sie nach oben zu ziehen, doch ich strudelte und klatschte erneut über meine Koffer zusammen.
„Ey, mach deinen Hintern kleiner.“, meinte sie. Als wäre das so einfach.
„Tut mir leid, dass ich keinen Prachtarsch habe, so wie du.“, antwortete ich, fing mich und stand endlich auf.
„Tja, ich bin eben einzigartig.“, meinte sie und ein Lächeln überzog ihr Gesicht, wo mancher Mann schon schwach geworden war. Mich beeindruckte es nicht.
„Einzigartig unglaublich bist du.“, stieß ich hervor, doch sie reagierte nicht. Endlich hatte sich die Welt wieder gefangen und wir blickten uns um. Mittlerweile war die Ankunftshalle leer. Nur mehr wir beider und unsere Koffer standen hier. Mutterseelen alleine. Völlig verloren. Unendlich Einsam. Quatsch.
„Und nun?“, fragte Sara.
„Keine Ahnung.“, antwortete ich. Shane hatte mir nur mitgeteilt, dass wir her fliegen sollten, nicht, wie wir in die Stadt kamen.
„Schau mal, dort.“, stieß Sara hervor und zeigte in eine Richtung, in der ein winzig kleiner Mann herumwuselte und ein Schild mit der Aufschrift „Ghostbusters“ vor sich hertrug.
„Sag mal, ist das konform?“, fragte Sara und sah ebenso verblödet drein wie ich.
„Keine Ahnung.“, stieß ich hervor und noch bevor wir uns überlegen konnten wie wir ihm entkamen, hatte er uns auch schon entdeckt. Ein breites Grinsen huschte über sein klappriges faltiges Gesicht.
Er war sicher schon über sechzig Jahre alt und vorne fehlten ihm ein paar Zähne. Sein Haar war schüttern und dunkelgrau. Seine  Gestalt war klapperdürr und seine Haut hatte eine unangenehme Farbe, doch in seinen Augen sprühte das Leben.
Mit eifrigen Schritten kam er auf uns zu.
„Linn und Sara?“, schrie er uns schon von ferne zu. Ich brauchte wohl nicht zu erwähnen, dass die ganze Konversation in Englisch geführt wurde, eine Sprache, die weder Sara noch ich völlig mächtig waren, doch wir würden schon durchkommen damit.
„Was sagen wir jetzt?“, stieß ich in Panik hervor.
„Na was wohl? Nein, natürlich.“, war ihre Antwort und diesmal verdrehte ich die Augen.    
„Ja.“, schrie ich ihm entgegen und winkte ihm zu. Seine Lippen formten sich zu einem breiten Grinsen und als er nur mehr ein paar Meter von uns entfernt war, fiel er plötzlich auf seine Knie, legte die Hände zusammen als würde er beten und sah uns mit Tränen in den Augen an.
„Ist der noch ganz dicht?“, flüsterte Sara, ohne die Augen von ihm abzuwenden.
„Keine Ahnung.“, antwortete ich.
„Was weißt du überhaupt?“, giftete sie mich an.
„Schnauze.“, fuhr ich zurück.
Der Mann währenddessen rutschte ein paar Schritte weiter auf uns zu und beugte seinen Kopf nach unten und wieder nach oben und wieder nach unten und wieder nach oben.
„Der Himmel hat euch geschickt. Gelobt sei der Herr.“, stieß er hervor und strahlte uns glückselig an. Ok, irgendwie war es schon niedlich.
„Hi, ich bin Linn und das hier ist Sara. Shane hat sie geschickt?“, fragte ich und streckte dem Mann meine Hand hin. Er sah sie an, als wäre sie etwas Heiliges.
„Keine Angst. Ich beiße nicht.“, sagte ich und lächelte ihn an. Dann streckte er langsam seine Hand aus und legte sie in meine. Ich schüttelte sie und zog ihn sogleich wieder nach oben.
„Ja, der Master hat mich geschickt um die jungen Ladys abzuholen. Wo ist ihr Gepäck?“, fragte der Mann und wir deuteten mit einem entschuldigenden Lächeln auf den Haufen voller Taschen und Koffer hinter uns.
Kurzfristig fiel ihm das Lachen aus dem Gesicht, aber so schnell es gegangen war, kam es auch schon wieder zurück.
„Wir helfen Ihnen natürlich.“, sagte ich und griff zur ersten Tasche. Er schüttelte vehement den Kopf.
„Nein, nein, nein. Der Master hat gesagt, dass ich die Ladys wohlbehalten zu ihm in die Villa bringen soll. Calbhach, hat er gesagt, bringe die Ladys gesund und munter zu mir. Dann werde ich dich belohnen für deine Dienste.“ stieß Giligan hervor.
„Wie heißt der?“, flüsterte mir Sara zu.
„Calamari.“ antwortete ich und als Kugelschreiber sich die ersten vier Taschen auf den Rücken lud, geriet er gefährlich ins schwanken. Gleichzeitig griffen Sara und ich, um ihm die Taschen wieder abzunehmen, doch er schüttelte uns vehement ab.
„Ich schaffe das schon.“, meinte er doch durch das vehemente Kopfschütteln gewann die eine Tasche die Oberhand und fast fiel er auf meine geliebten und sehr teuren Geräte.
„Bitte, Sir, das sind furchtbar empfindsame Geräte und sie haben schon den anstrengenden Flug hinter sich. Gehen Sie vor und wir folgen ihnen.“, erklärte ich ihm, doch wir standen noch die nächsten zehn Minuten da und diskutieren, wer die Koffer und Taschen tragen sollte als wir und schließlich geeinigt hatten, dass wir Shane nichts sagten und den Rest selbst trugen.
Als wir dann endlich beim Auto angekommen waren, standen wir vor dem nächsten Problem. Es war genauso winzig wie der Fahrer und wir hatten unsere liebe Mühe alles hinein zu bekommen.
Eine viertel Stunde später saßen wir schließlich im Auto und fuhren quer durch Dublin eine Landstraße hinaus. Die Sonne war bereits untergegangen. Wir näherten uns bereits zehn Uhr nachts und die Fahrt dauerte und dauerte und dauerte und dauerte und dauerte…
Unsere Fahrer stellte mal das Radio an, dann drehte er es wieder ab um sich mit uns zu unterhalten. Dann brauchte er mal eine Pinkelpause und wir vertraten uns für ein paar Minuten die Füße. Dann überfuhren wir eine Katze, oder ein Opossum, oder was auch immer es in Irland so zu finden gab.
Nachdem wir auch hier erneut eine halbe Stunde vertrödelt hatten, fuhren wir schließlich eine Stunde später in Limerick ein. Sara war irgendwann an meiner Schulter eingenickt und schnarchte leise vor sich hin.
Mir fielen ebenfalls schon fast die Augen zu und so war ich froh, dass Calamari endlich eine Auffahrt hinauf fuhr. Meine Herren, was war das für ein Anwesen?
Wir fuhren durch einen überirdisch großen runden Torbogen hindurch. Der Weg war mit lauter Kieselsteinen bestreut worden und diese knirschten unter den Reifen des Autos. Wahrscheinlich waren sie dieses Gewicht nicht gewohnt.
Der Weg verlief in kreisrunder Form und in der Mitte dieses Kreises war eine kleine grüne Rasenfläche mit einem Springbrunnen darauf. Ich konnte es nicht genau erkennen, aber es sah mir so aus, als würde es ein altes Kreuz in keltischer Form darstellen.
Irgendwie gruselig. Neben dem Weg den wir befuhren fiel ein dunkler Wald ab. Man sah nichts. Aber rein gar nichts. Bäume ragten hoch und Büsche waren dicht und voll, aber was mich am meisten erstaunte war das Herrenhaus das sich vor uns erstreckte.
Ok, es war eine richtige Villa. Ok, es war ein halber Palast. Sagen wir einfach, es war ein RIESIGES Haus. Mit einem einzigen Blick konnte man diese Ausmaße überhaupt nicht in sich aufnehmen.
Es war recht schlicht gehalten, kein Geschnörcksel, oder sonstiges. Die Höhe war relativ zu der Breite der Villa gebaut worden und viele, unendlich viele Rundfenster waren eingebaut worden.
Die Enden der Schrägen waren mit Stuck gesäumt worden und an den Seiten der Villa rankte sich der Efeu nach oben. Der Putz blätterte bereits ab und die Fensterläden hatten auch schon bessere Zeiten gesehen.
Alles in allem war es unheimlich. Unheimlich interessant für eine Geisterbeobachtung. Vor lauter Vorfreude lief mir eine Gänsehaut die Arme herunter.
Ruckartig blieb der Wagen stehen und ich stupste Sara an, damit sie wach wurde. Sie reagierte nicht. Ich stupste sie ein wenig fester. Nichts.
„Sara.“, sagte ich und stieß sie mit dem Ellenbogen zur Seite. Keine Reaktion.
„Wach auf, du alte Schlafmütze.“, kreischte ich und klatschte ihr leicht eine auf die Backe. Sofort schreckte sie hoch.
„Was… wo…“
„Na endlich.“, entgegnete ich und verwies auf unsere Umgebung. Mit Augen auf Halbmast schaute sie sich um. Derweil riss unser Chauffeur meine Tür auf und hielt mir mit einem breiten Grinsen seinen Arm hin.
Ok, ich hätte ja gerne darauf verzichtet, aber um Unhöflichkeit aus dem Wege zu gehen nahm ich sie dankbar an. Oder so.
Sara krabbelte hinter mir heraus und staunte nicht schlecht.
„Wahnsinn, ey.“, gab sie zum Besten und während sie sich noch umsah, half ich Calamari unser Gepäck aus dem Wagen zu hieven.