Alexandria
„Holen Sie mir den Akt von Frau Ismir.“
„Sofort!“, schrie ich aus der Küche wo ich gerade beim Kopierer stand und mein bestes gab, damit ich endlich diese Unterlagen fertig bekam.
„Ach und bringen Sie gleich den Akt von Herrn Schnuppe mit.“, rief mein Boss beim vorbeigehen in die Küche. Frau Ismir und Herr Schnuppe. Hätte ich gerade etwas Zeit nachzudenken würde ich glatt behaupten, dass mir das auch Schnuppe war – Ismir Schnuppe.
Ich musste grinsen. Viele Gelegenheiten zum Grinsen hatte ich in letzter Zeit wenig und deshalb klammerte ich mich an jeden Strohhalm den ich erwischen konnte und mochte er noch so klein sein. Prinzipiell war ich ein sehr fröhlicher Mensch.
Ach, was redete ich da schon wieder? Ich hatte anhaltend schlechte Laune. Mir gingen die meisten Sachen total auf die Nerven und ich hasste es zu arbeiten. Andererseits hatte ich einen Job, ich hatte einen festen Freund und ich hatte sexy Unterwäsche an, aber interessierte sich dafür jemand? Nein! Alles was ich hörte war: Bringen Sie mir dies, bringen Sie mir das.
„Eine Tasse Kaffe und zwar pronto.“, vernahm ich die quiekende Stimme meines Bosses.
„Hol ihn dir doch selbst, du Fürst der Finsternis.“, murmelte ich vor mich hin als ich die letzte Urkunde in den Kopierer steckte. Es war Abend, es war heiß, ich war verschwitzt und ein Ende dieses Abends war nicht in Sicht. Musste ich noch mehr zu meiner verzweifelten Situation sagen?
„Was haben Sie gesagt?“, fragte mein Boss, ein Ahnenforscher, während er um die Ecke geflitzt kam. Er sah wie ein kleines Schweinchen aus. Rote Glatze, Gewürzkränzchen auf dem Kopf, klein und pummelig und gerade heftete er mich mit seinem Blick fest.
„Ich sagte: das dürfte kein Hindernis sein.“, beeilte ich mich zu sagen während ich bereits zur Kaffeemaschine sprang. Er beäugte mich noch kurz und stolzierte dann in sein Büro. Während ich da so stand und den richtigen Knopf auf der Kaffeemaschine drückte, schweiften meine Gedanken zu meinem Leben zurück. Ich arbeitete in einer Ahnenforscherkanzlei.
Hatte man so etwas schon mal gehört? Während sich die Einen über die Straßenverkehrsordnung stritten, suchten die Anderen nach Wurzeln die bis ins Mittelalter zurückführten. Seltsamerweise waren alle seine Kunden Nachfahren von irgendwelchen Mönchen oder Pfarrern (zweideutig wie ich anmerken möchte).
Ich arbeitete täglich mehr als ich dürfte, war aber soweit ganz zufrieden damit (außer dass ich es natürlich eigentlich nicht wollte, aber das sei dahingestellt). Kam ich abends nach Hause, lag mein Freund, Max, faul auf der Couch und wartete nur darauf, dass ich ihn von vorne bis hinten bediente.
Aber warum beschwerte ich mich überhaupt? Hauptsache ich hatte einen Freund mit dem ich mein Leben teilen konnte. Oder zumindest drei Nächte in der Woche. Ich hatte auch Sex. Oder so etwas Ähnliches. Zumindest zweimal im Monat, ABER: er schieb mir wenigstens jeden Tag eine SMS.
Eine ganze verdammte SMS. Oh Gott, war mein Leben scheiße und da wunderte man sich, dass die Fröhlichkeit den Bach runter lief?
Ich wollte doch nur ein wenig Zärtlichkeit, ein wenig Aufmerksamkeit. Genauso wie jetzt als es mir heiß über meinen Arm lief, als ich mir vorstellte wie es wohl wäre, wenn jetzt ein richtiger Mann seine Finger über meine Arme streifen lassen würde. Ich fragte mich wie es wohl wäre wenn sich meine Härchen aufstellen würden vor unerfüllter Erwartung die mein Nacken an seine Lippen stellte…
„Oh scheiße.“, fluchte ich als ich bemerkte, dass die Tasse mit dem Kaffee übergegangen war und mich vollkommen besudelte. Die heiße Flüssigkeit versenkte meine Haut, genauso wie mein T-Shirt. Ich griff nach dem nächsten Lappen und versuchte den Saustall wegzumachen, als erneut die Stimme meines Chefs an meine Ohren dran.
„Wo bleiben die Akten? Was ist mit meinem Kaffee?“, rief dieser Vollidiot während ich versuchte meine Haut zu retten.
Ich verfluchte diesen Tag noch einmal und erledigte rasch die mir aufgetragenen Arbeiten bis ich endlich meinen Unterarm unter das kühle Nass halten konnte und das furchtbare Brennen aufhörte. Ich stieß einen erleichterten Seufzer aus und verdrehte die Augen als mein Boss erneut meinen Namen rief.
Drei Stunden, vier Kaffees und fünf Computerabstürze später saß ich endlich in der U-Bahn Richtung Heimat. Es war knapp zehn Uhr abends und die U- Bahn war gerammelt voll. Geschäftsmänner, Opas, Omas und Mütter mit Ihren Kleinkindern kämpften um die freien Sitzplätze.
Und was saß mir gegenüber? Ein junges Liebespärchen. Sie schmiegte sich lachend in seine Arme während er ihr süße Worte in ihr Ohr murmelte. Sie lief leicht rot an und biss zärtlich in sein Ohr. Daraufhin tippte er ihr mit dem Zeigefinger sanft auf die Nase, nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie. Wie lange hatte ich schon auf solche Zärtlichkeiten verzichtet? Hatte ich von Max überhaupt mal so etwas bekommen? Ich versuchte mich daran zu erinnern, doch mein Hirn zermarterte sich. Was bekam ich eigentlich von Max?
Zählten seine lausigen Umarmungen wenn er etwas von mir wollte? Oder zählte es, dass er nicht mal seine Lippen mehr spitzte um mir einen Kuss zu geben? Bah, Männer. Wut stieg in mir auf und ich schnaubte wie ein Stier. Es gab 98 Sitze in dieser U-Bahn, mussten die sich genau vor meine Nase setzen? Das machten die doch absichtlich. Freche Teenager.
Ohne einen weiteren Blick schnappte ich mir meine Tasche und stolzierte aus der U- Bahn. Ich war eine starke, eigenständige Frau. Ich brauchte keine Zärtlichkeiten und schon gar nicht von einem Mann. Genau. Gott, ich brauchte so etwas ganz dringend, aber wo sollte ich das nur herbekommen? Von Max? Das ich nicht lachte.
Deprimiert bis über beide Ohren stapfte ich bereits die Treppen zu meiner Wohnung empor, freute mich auf eine heiße Dusche und auf mein Bett als ich laute Musik hörte und wo kam die her? Natürlich aus meiner Wohnung.
Was hatte sich Max dabei gedacht, Leute in meine Wohnung zu lassen? Ich schloss die Tür auf und stieß sie mit dem Fuß zur Seite. Dort lag er. Das Ungeziefer das mein Leben belagerte.
„Hey Süße. Bring mir ein Bier.“, rief Max als er mich entdeckt hatte. Ich stampfte in mein Wohnzimmer und traute meinen Augen nicht. Überall lagen leere Bierdosen und offene Chipstüten herum. Auf dem Fußboden tummelte sich der Schmutz und er wagte es mir zu sagen, ich solle ihm ein Bier holen?
„Raus.“, pfiff ich durch meine zusammengebissenen Zähne hindurch während ich meinen Blick über den ganzen Raum gleiten lies.
„Was?“, rief Max.
„RAUS!!!“, brüllte ich wie von einer Tarantel gestochen. Ich rannte zu meiner Stereoanlage und schaltete sie komplett aus. Als ich dann das Gemurmel der Leute hörte sah ich nur noch rot. Ich packte den ersten Mistkerl und drängte ihn dazu, endlich zu verschwinden.
„Raus hier alle miteinander bevor ich die Polizei rufe!“, rief ich und zog die Leute auf ihre wackeligen Beine und stieß sie zur Tür hinaus.
„Beruhig dich, Süße. Es ist doch nur eine kleine Party.“, hörte ich Max´ Stimme zwischen meinem Brüllen hindurch.
„Eine Party? EINE KLEINE PARTY?“ Jetzt lies ich meiner Wut freien Lauf. Der sollte mal erleben wie es war, wenn ICH vollkommen durchdrehte.
„Du hast meine Geduld überstrapaziert. Zisch ab und nimm alles hier mit, was dir gehört.“, zischte ich ihm zu während ich die letzten Leute aus meiner Wohnung gescheucht hatte.
„Jetzt beruhig dich doch mal.“, setzte er mit einer selbstgefälligen Miene an. Am liebsten hätte ich ihn gerade windelweich geprügelt. Warum tat ich es eigentlich nicht?
„Ich fahr morgen mit meinen Kumpels an den Strand.“ Das hatte er jetzt nicht wirklich gesagt, oder? Ich bettelte ihn seit drei Jahren an, endlich mal mit mir in den Urlaub zu fahren und jetzt?
„Hau ab, Max.“, brachte ich mühevoll hervor.
„Pack mir die Tasche.“
„Du kannst mich mal.“
„Hast du schon wieder deine Tage?“, fragte dieses Schwein.
„Wenn ich sie hätte, könnten dich deine Kumpels jetzt in einem Kebap finden.“, stieß ich hervor. Wie konnte er nur? Warum trampelte er so auf meinen Gefühlen herum? Ich arbeitete 50 Stunden die Woche, er dagegen nur 30 und ER fuhr auf Urlaub?
„Du übertreibst mal wieder.“, sagte er ohne jegliches Gefühl in der Stimme. Tränen stiegen mir in die Augen. Bedeutete ich ihm denn gar nichts mehr? Er sah mich an.
„Fang jetzt nicht zu heulen an.“, schnauzte er mich an. Ich verschränkte die Hände vor meiner Brust um mich zu beruhigen und den Knoten in meinem Hals hinunterzuschlucken.
„Bedeute ich dir überhaupt etwas?“, fragte ich mich erstickter Stimme.
„OK, ich hau jetzt ab. Das wird mir echt zu viel. Ich bin in einer Woche wieder zurück. Hoffentlich bist du dann wieder normal.“, sagte er, ging zur Tür und schloss sie hinter sich zu. Das wars.
Ich stand da in einem Chaos von Überresten von seiner Party. Ich stand da mit Tränen in den Augen. Ich stand da und konnte nicht fassen, was gerade passiert war. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Ich konnte nicht allein sein. Ich wollte nicht allein sein. Ich wollte nur jemanden, der mich brauchte. Jemand, der sein Leben mit mir teilen wollte aber in dieser Sache war ich anscheinend eine hoffnungslose Romantikerin.
Ich schluckte mehrmals, sah mich um, entschied, dass ich nicht mehr aufräumen wollte, ging zuerst in die Dusche und legte mich dann in mein Bett. Alleine. Wie traurig war mein Leben eigentlich?

 

Adrian
„Aua. Was tust du?“
„Warte, gleich.“
„Was soll… aua… das… aua… werden, verdammt nochmal?“
„,Ein bisschen tiefer… muss ich noch…“,
„Kann ich endlich rein?“
„Gleich…“
„,ach schon. Ich kann´ s kaum erwarten.“, giftete ich Mordred an während er versuchte, sich in meinem Jeep umzuziehen. Ein paar Meter weiter wartete ein kuscheliges Bett auf mich und dieser Idiot brauchte länger als eine Frau um sich zu entscheiden, was er anziehen wollte.
„Bist du endlich fertig?“, fragte ich noch einmal, denn schön langsam war ich am Ende meiner Geduld.
„Ich muss doch schließlich gut aussehen.“, meinte dieser. Ich zog eine Augenbraue hoch.
„Wir wollen nur im Hotel einchecken. Da musst du nicht gut aussehen.“
Bei dem Gedanken mich zu entscheiden, ob er gut aussah oder nicht, wurde mir beinahe übel.
„Ja, ja.“
Ich verdrehte die Augen. Ich konnte einfach nicht anders. Er machte mich rasend vor lauter Wut und doch war er mittlerweile mein bester Kumpel. Und das nun schon ganze vier Monate. Ich wartete und wartete. Ich wartete noch immer. Zehn Minuten später umrundete ich bereits zum zehnten Mal meinen Jeep bis Mordred endlich fertig heraus stieg.
„Das wars?“, fragte ich ungläubig.
„Ja. Hast du etwas daran auszusetzen?“, fauchte er zurück. War das sein ernst?
„Du hast eine Jeans und ein verblichenes T- Shirt an. Was zum Teufel nochmal hast du eine halbe Stunde da drinnen gemacht? Sag bloß nicht, du hast dir einen runter geholt? Dann bekommst du nämlich die Putzrechnung, Freundchen.“ Mein Auto war mir heilig. Mordred hob abwehrend die Hände.
„Ich konnte mich nicht zwischen meinem The Beatles T- Shirt und meinem Stones T- Shirt entscheiden.“, verteidigte er sich.
„Du hast einen Vogel.“, informierte ich ihn als ich endlich meine Tasche aus dem Auto holen konnte und es abschloss.
„Und du hast keinen Sinn für Stil.“, konterte er.
„Warum? Hast du etwas gegen Leder?“, fragte ich nach und blickte an mir hinab. Ich liebte Leder.
„Komm schon, das ist aus dem letzten Jahrhundert.“, meinte Mordi und stapfte hinter mir her Richtung Hotel.
„Ist mir doch scheißegal.“, murmelte ich während wir zum Empfang marschierten. Die Empfangsdame betrachtete uns von oben bis unten und wurde feuerrot im Gesicht. Nun gut. Wir erfüllen nicht gerade das klassische Schema von Touristen.
Ich stapfte mit meinen schweren Lederstiefeln und meinem langen Ledermantel Richtung Tresen, während Mordred hinter mir mit seinem ausgeblichen T- Shirt und seiner verrissenen Jeans auftauchte. Verwegen lehnte ich mich an den Tresen und sah sie an.
„Hi.“, sagte ich mit tiefer Stimme und wackelnden Augenbrauen. Ein Mahl für zwischendurch wäre eigentlich kein Fehler gewesen. Es war bereits knapp zwei Tage her seit ich das letzte Mal getrunken hatte. Sie hauchte ein schüchternes „Hallo“, zurück und hielt sich an dem Tresen fest bevor sie umkippte.
„Ich habe Hunger. Können Sie mir weiterhelfen?“, fragte ich die junge Frau an dem Tresen und ihr Griff bohrte sich immer fester in die Holzvertäfelung. Eigentlich war sie nicht mein Typ. Gertenschlank und lange blonde Haare. Ich stand eher auf Frauen, bei denen ich anpacken konnte, aber was sollte es.
„, Du kommst jetzt her und besorgst mir und meinem Kumpel ein Zimmer.“ Während ich meine Gedanken auf sie übertrug, lies ich die ganze Intensität meiner Augen los. Noch nie hatte eine Frau meinen Augen widerstehen können und auch diesmal war es so. Sie nickte und ihre Augen wurden immer größer während sie sich weiter zu mir beugte so als könnte sie es kaum erwarten, dass ich weiter sprach.
„Hör auf damit. Das ist nicht nett.“, stupste mich Mordi von der Seite her an, doch ich hatte hier leichtes Spiel. Es machte zwar kaum Spaß da sie sich fügte, aber egal.
„, Und wenn du uns das beste Zimmer gegeben hast das ihr habt, kommst du hinauf und…“,
„Was ist hier los, Gabriella?“ Mist. Ich wurde unterbrochen. Gabriella zuckte zusammen als wäre sie aus einem Traum erwacht. Bis sie erkannte, dass sie sich fast über den Tresen gebeugt hatte, bekam sie auch schon die Rüge dafür. Hilfe suchend drehte sie sich nach mir um, doch ich drehte mich Mordi zu. Hey, ich hatte nie behauptet nett zu sein.
„Kann ich den Herren behilflich sein?“, fragte uns der Kerl der mich unterbrochen hatte.
„Wir möchten ein Zimmer. Das beste dass Sie uns bieten können.“, gab Mordred bekannt. Dieser Gartenzwerg rückte seine Brille zurecht und starrte uns von oben bis unten an.
„Hilft Ihnen das hier bei Ihrer Entscheidung?“, fragte ich und drückte ihm ein Bündel Geld in die Hand. Seine Augen wurden groß und glänzten als er merkte, wie viel ich ihm da gegeben hatte. Entschlossen suchte er in seinem Buch nach einem freien Zimmer. Ich grinste. Die Menschheit bestand rein aus Materialismus.
„Die Präsidentensuite wäre frei. Dort haben sie zwei getrennte Schlafzimmer, einen Salon, einen Wohnraum und eine Terrasse. Wäre das zu Ihrer Zufriedenheit?“
„Angenommen.“, bestätigte Mordred und ich übernahm den Schlüssel.
„Ich werde Sie höchstpersönlich in Ihr Zimmer begleiten.“, fügte der Gartenzwerg hinzu. Mordred und ich tauschen einen Blick, hoben die Schultern und ließen ihn unsere Taschen schleppen.
„Ist OK.“, antwortete Mordi, da Gartenzwerg uns noch immer anstierte.
„Nur damit Sie auch sicher in dem richtigen Zimmer ankommen.“, fügte besagter Zwerg hinzu.
„Das wäre nicht nötig, aber danke.“
„Ich möchte nur sicher gehen, dass Sie auch alles haben was Sie brauchen.“
„Gut.“
„Ich werde persönlich kontrollieren gehen, ob die Zimmermädchen auch alles so gemacht haben wie sie es wünschen.“
„Es passt schon.“, knurrte ich denn ich konnte ihn schön langsam nicht mehr hören.
„Wir legen großen Wert darauf, dass unsere Gäste…“, setzte er an, verstummte jedoch in derselben Sekunde als ich ihn anfletschte.
„Seien Sie still.“, knurrte ich. Gartenzwerg zog seinen Kopf ein und eilte mit unseren Taschen zum Lift. Minuten später waren wir endlich in unseren Räumlichkeiten angekommen und endlich hatten wir den Zwerg losbekommen. Seufzend ließ ich mich auf dem Sofa nieder.
„Warum bist du so gereizt?“, fragte mich Mordi.
„Bin ich doch gar nicht.“, antwortete ich schlicht und ließ meinen Blick im Zimmer auf und ab wandern. Es war wirklich wie für den Präsidenten geschafften. Alles war mit Gold verziert und überall hingen, bäähh, Rüschen herab. Das Sofa war mit Blumenmuster dekoriert und überall war es so… so… so sauber.
„Du hast ihn fast angesprungen.“, warf er ein. Ich zuckte mit den Achseln.
„Er ist mir auf die Nerven gegangen.“ Wenigstens hatten die hier dicke Vorhänge. So konnten wir das Licht aussperren.
„Ja, das habe ich bemerkt.“, fügte Mordi hinzu, setzte sich mir gegenüber und betrachtete mich forschend. Ich fühlte mich unwohl, denn leider kannte Mordred mich mittlerweile zu gut.
„Weißt du was du brauchst?“, platzte er plötzlich heraus während ich versuchte ihn zu ignorieren. Ich sah ihn fragend an.
„Eine Frau.“, antwortete er schließlich. Ich verdrehte abermals die Augen.
„Das Thema hatten wir schon.“, meinte ich schließlich. Ich war der einzige von meinen Drillingsbrüdern der noch immer ein Single war. Julian hatte seit 50 Jahren seinen schwulen Freund und Gabriel wurde in kürze Vater. Julians Freund, Kilian, war ein Paradiesvogel.
Er war DER Homosexuelle schlechthin. Sie stritten sich tagelang, hatten aber immer wieder sehr viel Spaß zusammen. Mein jüngster Bruder, Gabriel, lernte seine Frau erst vor wenigen Monaten kennen. Er hätte keine bessere finden können.
Sie hatte sogar ihre Menschlichkeit für ihn aufgegeben, wobei sie da nicht viel Mitspracherecht hatte, denn Gabriel hätte sie beinahe verloren und sie gewandelt. Ich könnte es mir nicht vorstellen täglich mit der gleichen Frau im Bett zu sein, sie zu fühlen, sie zu riechen, sie zu schmecken.
Ich könnte es mir nicht vorstellen ihren Atem auf meiner Haut zu spüren und ihr zuzusehen, wenn sie duschte und das Wasser von ihrem Körper perlte. Was war das wohl für ein Gefühl wenn eine Frau auf Ihre Menschlichkeit verzichtete um den Rest der Ewigkeit mit einem zu verbringen?
Ich beneidete keinen der beiden. Wirklich nicht. Und doch…
„Hey, wir sind hier in Wien, stimmts?“, fragte Mordred und riss mich aus meinen Gedanken.
„Ähm, ja?“, antwortete ich, nicht wissend, worauf er hinaus wollte.
„Gabriel und Bianca haben sich auch hier in Wien kennen gelernt.“
„Willst du auf irgendetwas bestimmtes hinaus?“, fragte ich müde nach.
„Wien ist die Stadt der Liebe… Amore.“, bemerkte Mordi und fuchtelte mit seinen Händen in der Luft herum.
„Nein, das ist Paris.“ Hornochse. Er zuckte mit den Schultern.
„Ich sage dir, mein Freund, hier werden wir fündig.“
„Wir sind hier, um mehr über deine Vergangenheit herauszufinden und nicht, um mich zu verkuppeln.“, antwortete ich und fragte mich gleichzeitig, was ich mir dabei gedachte hatte, den da zu begleiten. Mir musste wirklich langweilig gewesen sein.
„Apropos: Wann haben wir den Termin bei diesem Ahnenforscher?“, fragte mich Mordred.
„Morgen um 18 Uhr.“
„Ach, so bald schon?“, meinte er setzte einen hektischen Gesichtsausdruck auf. Ich nickte lediglich und blickte hinaus aus dem Fenster. Unsere Mission hier in Wien war jene, den Aufenthaltsort eines gewissen Gegenstandes zu finden, der Mordred helfen konnte, sich zu erinnern.
Vor wenigen Wochen hatten meine Brüder und ich versucht, einen unmittelbaren Nachkommen des Grafen Dracula zu vernichten (wo wir auch Mordred gefunden hatten). Dummerweise ist er uns entwischt, aber nach langem Grübeln hatten wir beschlossen, diesen Gegenstand zu finden und mehr über Mordreds Vergangenheit herauszufinden.
Er selbst wusste absolut nichts mehr von seiner Vergangenheit, noch wussten wir, was das für ein Gegenstand war und das würde vermutlich unser größtes Problem werden.

Alexandria
Der nächste Tag, derselbe Trott. Nach einer verdammt kurzen Nacht wachte ich schweißgebadet auf. Ich hatte mich stundenlang hin und her geschmissen, war immer nur halb im Dämmerschlaf bis ich schließlich aufstand um mich erneut zu duschen. Konnte es nicht bereits Wochenende sein?
Müde und energielos trottete ich in die Kanzlei wo mich bereits mein geliebter Chef erwartete. Natürlich läuteten gleichzeitig das Telefon und die Tür. Die Post kam, die e-Mails mussten bearbeitet werden und natürlich hatte ich einen ganzen Haufen zu kopieren. Erneut verfluchte ich mein langweiliges und eintöniges Leben bis es schließlich Abend wurde.
„Was machst denn du da?“, fragte mich meine Kollegin und beäugte mich und meine Arbeit. Ich hatte gerade Schere und Papier in der Hand und versuchte verzweifelt, ein gewisses Muster auszuschneiden welches ich dann auf ein Schreiben kleben musste um gewisse Stellen zu verstecken (Nein, es war nur Schokolade). Ich verzog das Gesicht.
„Ich spiel Kindergartentante und bastle.“, antwortete ich und kniff die Augen zusammen während ich die Schere präzise führte.
„Sag mal, ist dir aufgefallen, dass du dein T- Shirt mit beschneidest?“, erkundigte sie sich und beugte sich näher zu mir.
„Hmm…“, grummelte ich und vollendete mein Muster. Glücklich strahlte ich mein Muster an als die Worte meiner Kollegin sackten.
„Was?“, fuhr ich auf und starrte nach unten. Oh nein. Wie konnte man nur so blöd sein? Ich war so konzentriert gewesen, dass ich mir ein ovales Muster in mein Lieblings T-Shirt eingeschnitten hatte.
„Verdammt.“, stieß ich hervor und hüpfte auf in voller Panik, dass mich so jemand sehen konnte. Beim Aufhüpfen knallte meine Hüfte gegen den Tisch. Ich schrie kurz auf und verfluchte die ganze Welt, als das Glas überschwappte und mich besudelte. Nun stand ich da, mit einem zerschnittenen Shirt und besudelter Hose. Ich blinzelte unter meinen Strähnen hervor.
„Scheiße…“, murmelte ich während meine Kollegin ihre Lippen fest zusammenpresste um nicht laut loszulachen. Ich lies die Schultern hängen und schaute sie empört an bis sie endlich anfing zu lachen.
„Du bist gemein.“, grummelte ich und unwillkürlich zogen sich meine Lippen nach oben. Nun hatte ich die Wahl: sollte ich lachen oder weinen? Sollte ich verzweifeln, oder es so hinnehmen wie es kam? Ich brüllte vor Lachen auf und musste mich an meiner Kollegin festhalten um nicht hinzufallen.
„Du… und die Schere… und das Glas…“, keuchte meine Kollegin während mir bereits vor lauter Lachen die Tränen in die Augen stiegen. Mein Bauch krampfte sich bereits zusammen und ich bekam kaum mehr Luft vor Lachen als es an der Tür klingelte. Wir sahen uns an, ich hob die Schultern und stolzierte zur Tür. Mir konnte man heute nichts mehr antun, egal wie schlimm es war.
Ich öffnete die Tür und mein Herz setzte ein, zwei oder auch drei Schläge aus.

Atme, schrie ich mich selbst in Gedanken an. Du musst atmen. Oh Gott, wie atmete man nur? Luft, Lunge, Nase… Ach ja. Ich atmete tief ein und wartete darauf, dass die Luft in meine Lungen gezogen wurde. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Mein erster Gedanke, neben dem, dass ich atmen sollte, war: War ich im Himmel?
Ein Bild von einem Mann stand vor mir. Er war groß, oh ja, er war eindeutig groß und breit. Er hatte Schultern wie ein Profiringer, seine Brust sah steinhart aus und seine Beine waren, nun ja, sie waren mehr als nur durchtrainiert. Er hatte schulterlanges, gelocktes, blondes Haar und ein Kinn, das man nicht so leicht brechen konnte (nahm ich zumindest an). Seine Augenbrauen waren dicht und seine Nase ausgeprägt. Er war der schönste Mann, den ich je gesehen hatte.
Und erst seine Augen. Tiefes grün blitzte mir entgegen und ein amüsiertes Funkeln konnten sie nicht verbergen. Ich schnappte unwillkürlich nach mehr Luft. Ich brauchte Luft. Wer nahm mir die Luft weg? Mein Herz raste, meine Hände schwitzten und alles in mir drehte sich, als wäre ich nicht mehr ich selbst.
„Soll ich mich umdrehen?“, erkundigte er sich mit einem tiefen Bass der meine ganzen Sinne vibrieren ließen. Mein Freund war kein Vergleich mit diesem Prachtexemplar. Mein Freund? Wie hieß der doch noch gleich? Irgendetwas mit M… Ach, scheiß drauf. Was hatte er gesagt?
„Äh.. .Bitte?“ War ich denn komplett bescheuert? Dieser Mann grinste mich gerade so frech an, dass mir das Wasser im Mund zusammenlief und ich mich fragte wie es wohl wäre, wenn er mich hier und jetzt in seine Arme zog und mich bewusstlos küssen würde.
„Soll ich dir meine Rückenansicht zeigen?“, fragte er erneut nach und bei diesen Gedanken rollte mir ein Schauer über den Rücken. Was musste dieser Mann doch für einen tollen Hintern haben. Fest, knackig, zum kratzen gut müsste er sein. Ich musste zugeben, dass er eine gewisse Anziehungskraft besaß. Am liebsten hätte ich mich diesem Drang hingegeben und ihn angesprungen wie eine Wildkatze. Ich wollte ihm das Hemd aufreißen und ihn beißen, kratzen und natürlich auch küssen.
„Ja, bitte…“, presste ich hervor und strich mir mit dem Zeigefinger über meine Lippen, gespannt darauf was ich gleich zu sehen bekam bis meine fast tauben Ohren die Stimme meines Chefs wahr nahmen und mir blitzartig alles bewusst wurde. Oh Gott. Ich lief feuerrot an. Ich stand da, einen Finger auf meinen Lippen, ein zerschnittenes T- Shirt, eine besudelte Hose und, das bemerkte ich erst als mir die Finger weh taten, hatte ich meine Fingernägel in den Türrahmen gekrallt.
Das Ausmaß meines Benehmens durchzuckte mich jäh, als dieser Mann hier, er war ja unser Mandant, mich noch lasziver angrinste.
„Ähm… bitte… kommen Sie herein. Ich gebe bescheid, dass Sie hier sind.“, nuschelte ich vor mich hin während ich die beiden Männer rein ließ. Zwei? Naja…
„Gerne.“, antwortete der Blonde und ich zuckte bei dem Klang seiner Stimme zusammen.